Patricio Campillo entwirft in Mexico City Mode, die Familiengeschichte weiterträgt und vertraute Bilder von Männlichkeit in Bewegung bringt.
Ein Anzug kann lange auf seinen nächsten Auftritt warten. Der des Vaters von Patricio Campillo wurde zum Ausgangspunkt einer ganzen gestalterischen Sprache. In seinen Jacken und Hosen lebt die mexikanische Charro-Kultur weiter – mit einer Sinnlichkeit, die andere Möglichkeiten in den vertrauten Formen entdeckt.

Eine Familiengeschichte zum Anziehen
2020 entdeckte Campillo einen Charro-Anzug, den sein Vater zum 18. Geburtstag vom Großvater erhalten hatte. Dessen Schnitt wurde zur Grundlage vieler seiner Entwürfe. So steckt in der Kleidung des Labels auch eine sehr persönliche Weitergabe: vom Großvater zum Vater zum Sohn.
Die Verbindung reicht in seine Kindheit zurück. Campillo wuchs in Mexico City mit Pferden und der Charro-Kultur auf. Bevor er selbst Mode entwarf, arbeitete er im Modejournalismus, im Styling und in der Art Direction. Eine Zeit in Paris bei der Moderedakteurin Tiffany Godoy bestärkte ihn darin, sich das Entwerfen selbst beizubringen. Seine erste Kollektion entstand 2015, sein Label gründete er 2017. 2024 gehörte er zu den Halbfinalisten des LVMH Prize.
Dieser Weg erklärt vielleicht auch seinen Blick: Campillo kennt die Bilder, durch die Mode Bedeutung erhält. Und er kennt die Erinnerungen, die in einem Kleidungsstück stecken können. Bei ihm begegnen sich beide.
Wie viel Freiheit steckt in einer Form?
Der Charro-Anzug gibt eine Silhouette vor. Campillo untersucht, was sich innerhalb dieser Vorgabe verändern lässt. Für Herbst/Winter 2026 beschäftigte er sich mit Einschränkung, Korsetterie und der sinnlichen Lesart traditioneller Männerkleidung. Rosshaar und fließende Seide brachten unterschiedliche körperliche Erfahrungen ins Spiel.
Darin liegt für uns die Spannung dieser Mode. Eine Form, die Zugehörigkeit ausdrückt, kann zugleich Raum für einen sehr individuellen Auftritt schaffen. Die Herkunft bleibt lesbar; ihre Bedeutung darf sich verschieben.
Auch das Handwerk gehört zu dieser Bewegung. In der Frühjahr/Sommer-Kollektion 2026 wurden geflochtene Seidenbahnen und Lederstreifen zu Shorts, Jacken und Hemden verarbeitet. Techniken, die mit Alltagsgegenständen verbunden sind, erhielten eine neue Aufgabe am Körper. Luxus lässt sich hier als Aufmerksamkeit lesen: für Material, für Arbeit, für die Möglichkeiten einer Konstruktion.
Ein Sonnenuntergang reist nach New York
Für Frühjahr/Sommer 2027 führte eine Wanderung mit seiner Mutter in Chiapas Campillo zu Erinnerungen an Freude und Freiheit. Auf dem New Yorker Laufsteg erschienen Rot, Pink und goldgelbe Töne. Eine Seidenoberfläche erhielt durch oxidierende Metallplatten eine Rostpatina.
Das passt zu einem Designer, der Erinnerungen immer wieder in Material übersetzt. Etwas bleibt erhalten und verändert dabei seine Gestalt. Ein Familienanzug findet einen neuen Körper. Eine Wanderung wird zur Farbe.
CAMPILLO macht Lust, Kleidung auf diese Weise anzusehen: als etwas, das schon eine Geschichte hat und mit uns eine weitere beginnen kann.







