Die Materialisierung von Farben bildet den Ursprung jeder Arbeit von Anna Virnich. Zu sehen sind feine Stoffe aus senfgelbem Crepe, seidiges Taft aus Lavendeltönen und Rechtecke aus faltig grobporigem Nessel. In seiner Strahlkraft zieht ein royales Blau sämtliche Aufmerksamkeit des Moments auf sich, schiebt sich lachsfarbene Seide zwischen Crepe de Chine und Ultramarin …

Obwohl wir in einer materialistischen Welt leben, hat das Ding an sich einen erstaunlich schlechten Ruf: Es gilt als tot und seelenlos und der organischen Welt der Pflanzen, Tiere und Menschen in jeder Hinsicht unterlegen. Wer sein Herz zu sehr an Dinge bindet, steht schnell im Verdacht, ein oberflächlicher Charakter zu sein. Man kann das etwas heuchlerisch finden, denn wir alle stecken viel Energie in die Jagd nach schönen und wertvollen Dingen, für deren Erwerb wir wiederum das Ding Geld benötigen, das es zu verdienen gilt …

Vollkommenheit ist nie von Dauer, daher gilt es, Schönheit im Unvollkommenen zu sehen. Die Japaner leben diese Idee mit der Philosophie des Wabi-Sabi. Alle Dinge sind anmutig, gerade die mit Fehlern. Auf die Menschen hat man das nicht übertragen können, da gilt im Land der aufgehenden Sonne nach wie vor: Leistungszwang, Perfektionismus, Erfolg …