Wie die französische Künstlerin Erinnerungen an Küsten, Dünen und Körper in Skulpturen und Leuchten übersetzt.

Ein türkisfarbenes Glas, das im Licht ins zarte Seladongrün wechselt. Blasen, die beim Brennen entstehen und einer Oberfläche eine unerwartete Struktur geben. In Amande Haeghens Arbeiten bleibt die Verwandlung des Materials sichtbar. In ihrem Atelier in Lissabon verbindet die französische Künstlerin Keramik und geschmolzenes Glas zu Objekten, deren Wirkung sich mit dem Licht verändert.
Der Ton lässt sich mit den Händen bearbeiten, seine Wandstärke bestimmen, seine Kontur verfeinern. Beim Glas bleibt selbst nach vielen Versuchen etwas offen. Temperatur, Untergrund und Farbmischung beeinflussen, wie es sich im Ofen verhält: Es kann transparent werden, kristallisieren oder über die Keramik fließen. Manche Ergebnisse gehen verloren, andere eröffnen eine Richtung, die zuvor gar nicht vorgesehen war.
Haeghen hat gelernt, diese Ungewissheit in ihre Arbeit einzubeziehen. Für die gewünschten Farben auf schwarzem Ton experimentierte sie beinahe zwei Jahre. Eine zufällig entstandene Blasenbildung wiederum wurde zum Ausgangspunkt für weitere Versuche. Erfahrung schärft ihren Umgang mit dem Material. Die Überraschung bleibt.

Die Erinnerung an eine Küste
Ein Teil ihrer Formensprache führt an die Bucht von Arcachon zurück, wo Haeghen als Kind viel Zeit verbrachte. An die Dune du Pilat, an Sandflächen und an eine Küste, deren Linien sich mit den Gezeiten verschieben. Bis heute fotografiert sie Details, die leicht übersehen werden: Moos, Gesteinsoberflächen, die Spuren des Windes im Sand.
Diese Beobachtungen gehen durch die Erinnerung, bevor sie Gestalt annehmen. Aus einer Landschaft kann eine Rundung werden, aus einer Stimmung eine Farbe. In der Kollektion Mãe – portugiesisch für Mutter – verbinden sich Dünen und Lagunen mit den Kurven des weiblichen Körpers. Die Formen lassen ihre Herkunft erahnen, ohne eine bestimmte Ansicht festzuhalten.

Dass sie einmal mit Ton arbeiten würde, war zunächst nicht absehbar. Haeghen wuchs mit Kunst auf; ihr Großvater malte, ihre Mutter ist ebenfalls Malerin. Nach einem Studium der bildenden Kunst und Kunstgeschichte ging sie jedoch in die audiovisuelle Produktion. Sie begleitete junge Regisseure, produzierte Werbefilme und Musikvideos und half anderen dabei, ihre Bildsprache zu entwickeln.
Mit der Geburt ihres ersten Kindes verlagerte sich ihr Interesse auf eigene Projekte. In einem Gemeinschaftsatelier in Saint-Denis bei Paris begann sie, sich das keramische Handwerk selbst beizubringen. Bücher und Versuche, gelungene Brände und Fehler wurden zu ihren Lehrern. Später folgten ein eigenes Pariser Atelier, erste Wandarbeiten und Leuchten. Chiara Colombini gehörte zu den frühen Unterstützerinnen ihrer Arbeit.
Glas als Farbe, Licht als Teil der Form
Die Verbindung mit Glas entstand aus einem Fund beim Materialhändler. Haeghen entdeckte Glasplatten in unterschiedlichen Farben und Strukturen, nahm einige mit und verwendete sie für ihre Arbeiten. Die Abschnitte bewahrte sie auf. 2020 begann sie, diese Reste direkt auf Keramik zu schmelzen.

Damit veränderten sich ihre gestalterischen Möglichkeiten. Glas konnte nun über eine Fläche ziehen, sich verdichten und Farbübergänge bilden. Haeghen verwendet das geschmolzene Material zunehmend wie Farbe: als Mittel, um Bewegung auf einer keramischen Oberfläche entstehen zu lassen.
Bei ihren Leuchten denkt sie das Licht von Anfang an mit. Wie durchlässig soll das Glas sein? Wie hell soll die Leuchte strahlen, welche Schatten sollen an der Wand entstehen? Diese Fragen beeinflussen bereits den Entwurf. Tagsüber treten Kontur und Oberfläche hervor; eingeschaltet entwickeln dieselben Objekte eine andere Farbigkeit und räumliche Präsenz. Ein kühles Türkis kann dabei weich und grünlich erscheinen.

Von Lissabon nach Island – und an die Wand
Seit 2021 lebt Haeghen in Lissabon. Die weiten Atlantikstrände knüpfen an ihre Kindheitserinnerungen an, während ockerfarbene Erde, Klippen und Vegetation neue Töne in ihre Arbeit bringen. Mit The House of Haeg gründete sie ein Atelier, das auch anderen Kunstschaffenden Raum für Arbeit und Austausch bietet.
Eine Reise nach Island erweiterte ihre Farbpalette um stärkere Kontraste. Leuchtend grüne Berge, türkisfarbene Gletscher und schwarze Vulkanstrände lösten die Vorstellung einer beinahe monochromen Landschaft ab. Besonders beschäftigten sie die Muster gefrorenen Wassers auf dunklem Sand. Ihre hellen Ränder und durchscheinenden Flächen ähnelten Strukturen, die sie bereits im Ofen erzeugt hatte.
Aus diesen Eindrücken entstand unter anderem eine Wandarbeit aus 24 Elementen, 2,4 Meter breit und 1,5 Meter hoch. Mit dem größeren Format rückte auch die Architektur stärker in ihren Blick: die Wirkung einer Arbeit aus der Distanz, ihr Verhältnis zum Raum und jene Details, die sich erst aus der Nähe erschließen.

Ein keramisches Bild von drei mal zwei Metern gehört zu ihren Vorstellungen für die Zukunft. Noch setzen die vorhandenen Öfen den einzelnen Elementen Grenzen. Der Gedanke führt ihre Arbeit jedoch weiter: von der handgeformten Oberfläche zur Wand, vom kleinen Glasfragment zu einer Farbe, die einen Raum mitprägt.
Welche Empfindung daraus entsteht, lässt Haeghen offen. Ihre Arbeiten geben dem Blick etwas zu verfolgen – eine Vertiefung im Ton, eine eingeschlossene Blase, einen Farbwechsel im Glas. Mit dem nächsten Licht kann sich das Bild bereits verschieben.






