Sieben Jahre Artycapucines: Im Grand Palais stellt Louis Vuitton die künstlerischen Interpretationen seiner Capucines den Werken ihrer Urheber gegenüber. Eine neue Kollektion widmet sich Keith Haring.
Eine Banane hängt an einer Tasche. Bei Urs Fischer ist diese kleine Irritation Teil einer künstlerischen Sprache, in der Alltagsgegenstände ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Im Grand Palais begegnet seine Artycapucines nun der Arbeit Fruits von 2026. Die Gegenüberstellung macht anschaulich, worum es in der diesjährigen Präsentation von Louis Vuitton bei Art Basel Paris geht: Wie wandert eine Idee von einem Medium ins andere? Und was geschieht mit einer Tasche, sobald Künstlerinnen und Künstler ihre Form, Oberfläche und Funktion neu verhandeln?

Als Associate Partner der Messe versammelt Louis Vuitton auf dem Balcon d’Honneur Positionen von insgesamt 14 Kunstschaffenden. Die Retrospektive blickt auf das 2019 gestartete Artycapucines-Projekt zurück und zeigt die Taschen gemeinsam mit ausgewählten Kunstwerken. So werden die gestalterischen Entscheidungen hinter den einzelnen Entwürfen lesbar.
Leder als künstlerisches Material
Die Capucines gibt dem Projekt einen wiedererkennbaren Ausgangspunkt. Was daraus entsteht, unterscheidet sich jedoch erheblich. Gemeinsam mit den Handwerkerinnen und Handwerkern von Louis Vuitton übertragen die Beteiligten ihre Arbeitsweisen auf ein Objekt, das eigene technische Bedingungen mitbringt: Leder muss geformt, eine Konstruktion tragfähig und eine Oberfläche bearbeitbar bleiben.

Besonders interessant wird dieser Austausch dort, wo Material und künstlerische Handschrift eng verbunden sind. Kennedy Yankos Skulptur Because of its blues von 2025 besteht aus Metall und Farbhaut. Ihre geknautschte, bemalte Artycapucines von 2022 greift eine verwandte Vorstellung von Volumen auf. Bei Liza Lou führt der Weg über die Oberfläche: Die bemalten Glasperlen ihrer Arbeit Lost Blue von 2022 finden eine Entsprechung in der aufwendigen Perlenarbeit ihres Taschenentwurfs von 2023.
Billie Zangewa wiederum bringt ihre figurative Bildwelt in bestickter Seide ein. Ihre Arbeit Soldier of Love von 2020 steht neben ihrem ebenfalls mit bestickter Seide gestalteten Beitrag. Hier lässt sich verfolgen, wie eine textile Erzählweise auf einem anderen Gegenstand weiterlebt.
Auch Malerei verändert unter diesen Bedingungen ihren Charakter. Henry Taylors A Young Master von 2017 begleitet seine Auseinandersetzung mit Porträtmalerei auf einer Tasche. Josh Smiths Untitled von 2019 stellt Schrift und gesättigte Farbe in einen räumlichen Zusammenhang mit seinem Entwurf. Die Tasche wird dabei zum Gegenüber des Bildes, mit Kanten, Tiefe und einer beweglichen Form.

Zwischen Transportkiste und Ausstellung
Die Szenografie nimmt einen Bereich auf, der im Ausstellungsbetrieb meist hinter den Kulissen bleibt: das Verpacken, Lagern und Transportieren von Kunst. Offene Kisten, Sockel und kofferartige Strukturen aus gebürstetem Aluminium und Baumwoll-Canvas rahmen die Arbeiten. Ein heller Teppich ist auf den charakteristischen grünen Stahl des Grand Palais abgestimmt.

Das passt zur Geschichte eines Hauses, dessen Anfänge im Verpacken und im Bau von Reisekoffern liegen. Zugleich gibt diese Gestaltung der Präsentation einen interessanten Zwischenzustand. Die Objekte scheinen gerade angekommen zu sein oder könnten bald wieder aufbrechen. Das schärft den Blick für ihren materiellen Charakter: für Oberflächen, Gewicht und die handwerkliche Arbeit, die in ihnen steckt.
Zu sehen sind auch Arbeiten langjähriger Wegbegleiter. Takashi Murakamis Monogramouflage Skull (Black) von 2008 begleitet seine Camouflage-Interpretation aus der Artycapucines-Kollektion von 2025. Yayoi Kusama ist unter anderem mit Great Gigantic Pumpkin und Every Day I Pray for Love, beide von 2023, vertreten. Frank Gehrys fischförmige Leuchten Untitled (Paris II) von 2012 stellen eine Verbindung zwischen seinen bewegten Formen und seinen Lederwarenentwürfen für Louis Vuitton her.

Keith Haring und die Bewegung der Zeichen
Ein neues Kapitel eröffnet die Keith Haring gewidmete Artycapucines-Kollektion. Kleine Figuren, Tänzer, ein laufendes Herz und Ketten grafischer Symbole ziehen sich über die Taschen. Harings Bildsprache bringt dabei einen eigenen Rhythmus mit: Die Zeichen wirken auch dort bewegt, wo die Oberfläche stillsteht.
Daneben wird ein Louis-Vuitton-Koffer aus den 1930er-Jahren gezeigt, den Haring in den 1980er-Jahren mit seiner Signatur versah. Dieses historische Objekt gibt der aktuellen Kollektion einen konkreten Bezugspunkt. Zwischen dem alten Koffer und den neuen Taschen liegen Jahrzehnte; verbunden sind sie durch die Begegnung einer unverwechselbaren Handschrift mit einem Gegenstand des Reisens.
Gerade die Gegenüberstellungen machen die Retrospektive interessant. Sie erlauben, einer Idee über unterschiedliche Materialien hinweg zu folgen: von Glasperlen zu Leder, von einer gemalten Figur zu einer tragbaren Form. Wie viel vom ursprünglichen Werk bleibt dabei erhalten? Und welche Möglichkeiten entstehen erst durch die Übersetzung?

Die Präsentation ist im Rahmen von Art Basel Paris vom 23. bis 25. Oktober 2026 im Grand Palais öffentlich zugänglich. Für den Messebesuch gelten die jeweiligen Ticketbedingungen.







