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Osiris Hertman: Was das Material vorgibt

Spiegelnder Stahl, rauer Ton und Oberflächen, die wie flüssig wirken: Der niederländische Designer entwickelt Möbel aus der unmittelbaren Arbeit mit dem Material.

Unter einer glänzenden Tischplatte hängen Tropfen, als wäre das Material mitten im Fließen erstarrt. Darunter stehen schwere Beine aus Eichenholz. Bei Osiris Hertman können Möbel gleichzeitig solide und erstaunlich beweglich erscheinen. Seine „Functional Art Collectibles“ erzählen von der Freude am Experiment – und von einem Designer, den es nach Jahren großer Architekturprojekte wieder näher an die Werkbank zieht.

In den Beinen des Cloudy Coffee Table bleiben die Spuren der Bearbeitung sichtbar. Hertman ritzt den noch weichen Schamotteton und legt dabei dessen körnige Struktur frei. Darüber liegt eine hochpolierte Edelstahlplatte mit einem unregelmäßigen, von Hand gehämmerten Rand. Die Oberfläche spiegelt den Raum; die Beine lassen beinahe spüren, wie sie sich unter den Fingern anfühlen würden.

In dieser Begegnung liegt ein wesentlicher Reiz seiner Arbeit. Glanz und Rauheit, Gewicht und optische Leichtigkeit stehen unmittelbar nebeneinander. Man erkennt einen Tisch und beginnt doch, ihn wie eine Skulptur zu betrachten. Beim Cloudy Coffee Table bleibt sogar die Nutzung offen: Mit seiner lang gestreckten Form bewegt er sich zwischen Couchtisch, Bank und skulpturalem Objekt.

Zurück in die Werkstatt

Der 1972 in Tilburg geborene und in Haarlem ansässige Designer studierte an der Design Academy Eindhoven. Zu seinen prägenden Lehrenden zählt er Lidewij Edelkoort, Marcel Wanders und Ulf Moritz. Seine frühe Waldorf-Ausbildung beschreibt er als Grundlage eines intuitiven Zugangs, bei dem sich Ideen im Umgang mit Werkstoffen entwickeln.

Schon nach dem Studium verbrachte Hertman die Abende in Holzwerkstätten, Keramikstudios und Metallateliers. Es ging darum, Techniken kennenzulernen und durch das Machen herauszufinden, welche Möglichkeiten in einem Material stecken. Später beanspruchten internationale Architektur- und Interiorprojekte einen großen Teil seiner Aufmerksamkeit.

Heute arbeitet er weiterhin an Projekten auf Curaçao, in Italien und Portugal. Parallel dazu hat die unmittelbare Arbeit am Objekt wieder mehr Raum bekommen. Spontane Skizzen bilden den Ausgangspunkt; gemeinsam mit erfahrenen Handwerkern übersetzt er sie in Möbel. Die Werkstatt wird dabei zum Ort, an dem sich eine Zeichnung bewähren und verändern darf.

Ein Schrank, der den Raum aufnimmt

Beim Liquid Drop Cabinet gehört die Umgebung zur Gestaltung. Seine spiegelnde Oberfläche nimmt Licht, Raum und die Menschen davor auf. Mit jeder Bewegung verändert sich das Erscheinungsbild des Möbels.

Der Edelstahl wird von Hand gehämmert und geformt, sichtbare Kupferschweißnähte zeichnen die Verarbeitung nach. Hertman mischt die Pigmente selbst und trägt sie intuitiv auf die spiegelnde Fläche auf. Tropfenartige Formen verstärken den Eindruck eines Materials, das zwischen flüssigem und festem Zustand verharrt.

Die geschwungene Silhouette hat dabei eine konkrete gestalterische Vorgeschichte. Hertman verweist auf die organischen Formen des französischen Art-déco-Gestalters André Groult und auf Marc Newsons „Pod of Drawers“ von 1987. Aus dieser Auseinandersetzung entsteht ein Schrank, dessen Wirkung sich erst im Zusammenspiel mit seinem Standort entfaltet. Das Liquid Drop Cabinet ist auf zehn Exemplare zuzüglich zweier Artist’s Proofs und eines Prototyps limitiert.

Auch die Liquid-Drift-Tische spielen mit unserer Wahrnehmung von Material. Bei einer Variante tragen massive Beine aus zusammengesetzten europäischen Eichenblöcken eine dünne, wellenförmige Platte. Andere Ausführungen stehen auf hohlen, hoch gebrannten Schamottobeinen. Die Platte darüber erinnert an eine Wasseroberfläche, während die Stützen ihr sichtbar Gewicht und Halt geben.

Handarbeit mit offenem Ausgang

Wie breit Hertman den Begriff des Machens versteht, zeigt das Balancing Pebbles Totem. Für die rund 2,25 Meter hohe Arbeit lässt er große Roboterarme kieselförmige Elemente mit einer geflochten wirkenden Oberfläche herstellen. Aufeinandergestapelt erinnern sie an balancierende Steine; ihre Struktur ruft zugleich handwerklich geflochtene Körbe in Erinnerung.

Die Technik erweitert hier das Repertoire der Werkstatt. Hertman bringt Farbe nach Gefühl in den Prozess ein und verbindet die maschinelle Herstellung mit jener intuitiven Arbeitsweise, die auch seine Möbel bestimmt.

Seine Objekte sollen lange genutzt und weitergegeben werden. Ihre Oberflächen tragen diesen Gedanken auf unterschiedliche Weise: als sichtbare Schweißnaht, als eingeritzte Tonspur oder als Spiegelbild, das sich mit dem Raum verändert. Gerade dort, wo das Material am deutlichsten bearbeitet wurde, bleibt der Blick am längsten hängen.

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