INSPIRATION FROM AROUND THE WORLD FOR AN AESTHETIC AND MEANINGFUL LIFESTYLE

Die Architektur des Genusses

Mit NIÒBĒ entsteht am Comer See ein Ort, an dem Architektur nicht Kulisse für Gastronomie ist, sondern Teil des kulinarischen Erlebnisses. Flaviano Capriotti Architetti verwandeln eine historische Villa in einen Raum, der Wasser, Licht, Material und Küche zu einer gemeinsamen Erzählung verbindet.

Der Comer See gehört zu jenen Landschaften, die seit Jahrhunderten Künstler, Architekten und Reisende inspirieren. Seine wechselnden Lichtstimmungen, die steilen Berghänge und das Zusammenspiel von Wasser und Vegetation prägen eine Atmosphäre, die sich kaum beschreiben lässt – und gerade deshalb immer wieder neu interpretiert wird.

Mit NIÒBĒ in Lecco wagt das Mailänder Büro Flaviano Capriotti Architetti genau diesen Versuch. Statt den See lediglich als spektakuläre Kulisse zu nutzen, wird seine Identität selbst zum Entwurfsmaterial. Architektur übersetzt hier Landschaft – nicht durch dekorative Zitate, sondern durch Proportionen, Materialien und Licht.

Die ehemalige Privatvilla wurde vollständig neu interpretiert und in ein Fine-Dining-Restaurant, ein Bistro sowie einen außergewöhnlichen Weinkeller verwandelt. Auf rund 430 Quadratmetern entsteht ein Ensemble, das Innen- und Außenraum bewusst miteinander verschmelzen lässt.

Die Landschaft wird zum Entwurf

Flaviano Capriotti verfolgt einen Ansatz, der in vielen seiner Hospitality-Projekte sichtbar wird: Architektur soll nicht dominieren, sondern Beziehungen schaffen. Räume fließen ineinander, Blickachsen bleiben offen und großzügige Verglasungen holen den See bis tief ins Gebäude hinein.

Organische Linien ersetzen starre Geometrien. Geschwungene Möbel, sanfte Übergänge und intime Bereiche erzeugen eine räumliche Kontinuität, die den Besucher beinahe unmerklich durch das Gebäude führt. Selbst die Kunstwerke des italienischen Malers Tullio Pericoli werden Teil dieser räumlichen Choreografie.

Materialien erzählen vom Ort

Besonders konsequent wird diese Haltung bei der Materialwahl sichtbar.

Der Naturstein der Fassade nimmt Bezug auf die umliegenden Berge. Ulmenholz prägt Wandverkleidungen und Maßmöbel, während ein Putz auf Basis von Reisschalen sowohl akustische Qualitäten besitzt als auch an die landwirtschaftliche Geschichte der Region erinnert.

Auch die Farbwelt entsteht aus dem Ort selbst. Grün-, Grau- und Blautöne spiegeln die ständig wechselnden Reflexionen des Wassers wider. Strukturierte Oberflächen und handwerklich ausgeführte Putze fangen das natürliche Licht ein und verändern ihren Charakter im Laufe des Tages. Große Leuchten erzeugen zusätzlich ein Spiel aus Transparenz und Reflexion, das an die Oberfläche des Sees erinnert.

Architektur für den Wein

Eine besondere Rolle übernimmt der Wein.

Statt den Weinkeller zu verstecken, wird er zum architektonischen Zentrum des Restaurants. Mehr als 600 Positionen bilden nicht nur die Grundlage einer außergewöhnlichen Weinkarte, sondern werden selbst zum räumlichen Erlebnis.

Der kreisförmige Wine Room für sechs Gäste ist vollständig von Ulmenholz-Regalen umgeben und macht den Wein zu einem integralen Bestandteil der Architektur. Materialität, Licht und Genuss verschmelzen zu einer gemeinsamen Inszenierung.

Kulinarik als Fortsetzung der Landschaft

Auch die Küche folgt diesem Gedanken.

Unter der Leitung des mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Küchenchefs Franco Caffara entstehen Gerichte, die lokale Zutaten und Traditionen zeitgenössisch interpretieren. Gleichzeitig wird der Garten selbst Teil des gastronomischen Konzepts. Kräuter und essbare Pflanzen wachsen unmittelbar rund um das Restaurant und finden ihren Weg direkt in die Küche.

Damit entsteht eine ungewöhnliche Verbindung: Architektur, Landschaftsgestaltung und Kulinarik erzählen nicht drei verschiedene Geschichten, sondern dieselbe – aus unterschiedlichen Perspektiven.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Qualität von NIÒBĒ. Das Restaurant versteht Architektur nicht als spektakuläres Objekt, sondern als Medium, das Atmosphäre schafft. Es ist ein Ort, an dem Landschaft nicht betrachtet wird, sondern räumlich erfahrbar wird – und an dem Essen, Wein und Design zu einer einzigen sinnlichen Erfahrung verschmelzen.

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