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Mit der Unsicherheit leben

Wir planen, organisieren, optimieren – und dann kommt das Leben dazwischen. Unsicherheit lässt sich nicht vermeiden. Aber vielleicht müssen wir das auch gar nicht. Denn die Kunst besteht weniger darin, alles unter Kontrolle zu haben, als darin, mit dem Unvorhersehbaren umgehen zu können.

„In dieser Welt ist nichts gewiss außer dem Tod und den Steuern“, soll Benjamin Franklin einmal gesagt haben. Ein Satz, der mehr als zwei Jahrhunderte später erstaunlich zeitgemäß klingt.

Denn selten schien die Sehnsucht nach Sicherheit so groß wie heute. Wir planen Karrieren, Beziehungen, Reisen, unsere Finanzen und manchmal sogar unsere Freizeit bis ins Detail. Vision Boards treffen auf To-do-Listen, Fünfjahrespläne auf perfekt kuratierte Vorstellungen davon, wie unser Leben aussehen sollte.

Und dann passiert etwas, das darin nicht vorgesehen war.

Ein Flug wird gestrichen. Ein Job geht verloren. Eine Beziehung endet. Eine Chance, auf die wir gesetzt haben, verschwindet. Oder wir wachen einfach eines Morgens mit dem Gefühl auf, dass der Weg, den wir so sorgfältig geplant haben, plötzlich nicht mehr der richtige ist.

Unsicherheit beginnt oft genau dort: in der Lücke zwischen dem, was wir erwartet haben, und dem, was tatsächlich geschieht.

Eine Welt ohne Fahrplan

Technologische Entwicklungen, gesellschaftliche Veränderungen und eine permanente Flut an Informationen verstärken das Gefühl, dass sich die Welt schneller verändert, als wir sie verstehen können. Was gestern noch sicher erschien, kann morgen bereits infrage stehen.

Gerade jungen Menschen fällt es mitunter schwer, darin Orientierung zu finden. Eine 2023 veröffentlichte Untersuchung des Harvard Graduate School of Education zeigte, dass ein erheblicher Teil junger Erwachsener in den USA mit fehlendem Sinn, Orientierungslosigkeit und Zukunftssorgen kämpft.

Doch vielleicht liegt ein Teil des Problems in unserer Vorstellung, wir müssten jederzeit wissen, wohin unser Leben führt.

Schule und Studium vermitteln uns lange Zeit eine relativ klare Struktur: Semester folgen auf Semester, Prüfungen auf Lehrveranstaltungen, Abschlüsse auf Ausbildungsschritte. Danach öffnet sich plötzlich ein Raum voller Möglichkeiten – und Möglichkeiten können ebenso befreiend wie beängstigend sein.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie werde ich Unsicherheit los? Sondern: Wie lerne ich, mich in ihr zu bewegen?

Kontrollieren, was kontrollierbar ist

Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, reagiert unser Kopf gerne mit einem paradoxen Reflex: Gerade weil wir die Kontrolle verlieren, versuchen wir, noch mehr zu kontrollieren.

Dabei hilft zunächst eine einfache Unterscheidung. Was kann ich beeinflussen – und was nicht?

Nicht kontrollierbar sind das Wetter, Entscheidungen anderer Menschen, wirtschaftliche Entwicklungen oder vieles von dem, was morgen passieren könnte. Beeinflussbar sind hingegen unsere Reaktion, unsere nächsten Schritte und die Art, wie wir mit einer Situation umgehen.

Das klingt banal, verändert aber die Perspektive.

Wird beispielsweise ein Flug wegen schlechten Wetters gestrichen, hilft hektisches Wechseln zwischen Gates ebenso wenig wie der Versuch, das Gewitter mental wegzuorganisieren. Hilfreicher ist es, Informationen zu sammeln, Alternativen zu prüfen und dann eine Entscheidung zu treffen.

Ruhe bedeutet dabei keineswegs Passivität. Im Gegenteil: Sie schafft erst den Raum, in dem vernünftiges Handeln möglich wird.

Pläne sind gut – solange sie beweglich bleiben

Planung ist nicht der Feind von Unsicherheit. Sie kann uns Orientierung geben, Komplexität reduzieren und aus einem scheinbar unlösbaren Problem eine Reihe kleiner, machbarer Schritte machen.

Entscheidend ist nur, wie sehr wir uns an unseren Plan klammern.

Vielleicht ist ein guter Plan weniger eine exakt vorgezeichnete Route als eine Art Kompass. Er gibt eine Richtung vor, lässt aber zu, dass wir unterwegs den Weg verändern.

Das gilt für einen gestrandeten Flughafenpassagier ebenso wie für die großen Fragen des Lebens. Wir können Informationen sammeln, Entscheidungen treffen und handeln. Wir können aber nicht garantieren, dass daraus exakt das Ergebnis entsteht, das wir uns vorgestellt haben.

Und genau an diesem Punkt beginnt eine Fähigkeit, die in einer auf Kontrolle und Optimierung ausgerichteten Welt beinahe radikal erscheint: loszulassen.

Die Freiheit des Nichtwissens

Loslassen bedeutet nicht, gleichgültig zu werden. Es bedeutet auch nicht, darauf zu vertrauen, dass sich schon irgendwie alles zum Guten wenden wird.

Es bedeutet vielmehr, anzuerkennen, dass unser Einfluss Grenzen hat.

Vielleicht müssen wir nicht auf jede Frage sofort eine Antwort haben. Vielleicht darf ein Lebensabschnitt offen sein. Vielleicht darf eine Entscheidung vorläufig bleiben. Und vielleicht ist ein Umweg nicht automatisch ein Fehler.

Rückblickend entstehen schließlich erstaunlich viele entscheidende Veränderungen aus Situationen, die wir ursprünglich niemals gewählt hätten. Das macht Verlust, Enttäuschung oder Angst nicht automatisch zu etwas Positivem. Aber es erinnert daran, dass wir im Moment des Umbruchs noch nicht wissen können, welche Bedeutung er später haben wird.

Unsicherheit ist deshalb nicht das Gegenteil eines guten Lebens. Sie ist ein Teil davon.

Die eigentliche Sicherheit liegt vielleicht ohnehin an einem anderen Ort: nicht darin, zu wissen, was passieren wird – sondern darauf vertrauen zu können, dass wir mit dem umgehen werden, was passiert.

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