Mit Filmen, Stimmen und vielschichtigen Erzählungen verwandelt Amar Kanwar die Serpentine North in London in einen meditativen Denkraum. Im Zentrum der großen Einzelausstellung steht die neue Sieben-Kanal-Installation The Charcoal Man.
Dunkelheit ist in Amar Kanwars Werk niemals bloß die Abwesenheit von Licht. Sie ist ein Raum der Wahrnehmung, der Erinnerung und der Erkenntnis. Ein Zustand, in dem Gewissheiten verschwimmen und andere Bilder sichtbar werden. Für seine große Einzelausstellung bei Serpentine verwandelt der indische Künstler und Filmemacher die Galerien der Serpentine North in eine immersive visuelle und akustische Landschaft.

Vom 23. September 2026 bis 31. Januar 2027 treffen dort drei zentrale Arbeiten aufeinander: der abendfüllende Film Such a Morning von 2017, die Sieben-Kanal-Installation The Peacock’s Graveyard von 2023 und das neue Werk The Charcoal Man, das in London erstmals öffentlich gezeigt wird.
Ein Kino der Aufmerksamkeit
Seit mehr als zwei Jahrzehnten bewegt sich Amar Kanwar zwischen Dokumentarfilm, poetischem Essay und visueller Erzählung. Seine Arbeiten sind eng mit der Geschichte des indischen Subkontinents verbunden – mit Kolonialismus, der Teilung Indiens und Pakistans, Vertreibung, Gewalt und den Mechanismen politischer Macht.

Doch Kanwar erklärt die Welt nicht. Er verlangsamt sie. Statt eindeutiger Antworten entwickelt er offene Bildräume, in denen Fakten, persönliche Erinnerungen, Fabeln, Musik und Archivmaterial nebeneinander existieren. Das Politische erscheint bei ihm nicht als Botschaft, sondern als Erfahrung: leise, vielschichtig und oft beunruhigend nah.
Diese Haltung bestimmt auch die Ausstellung bei Serpentine. In den abgedunkelten Räumen werden die Besucherinnen und Besucher nicht nur zu Zuschauenden. Sie müssen sich auf einen anderen Rhythmus einlassen – auf Bilder, die Zeit verlangen, und auf Geschichten, deren Bedeutung sich erst allmählich entfaltet.
Vom Pfauengrab zum Kohlenmann
Den Auftakt bildet The Peacock’s Graveyard, ursprünglich für die Sharjah Biennale 15 geschaffen und nun erstmals in London zu sehen. Auf sieben Bildschirmen verbindet Kanwar eigene Texte mit zeitgenössischen und historischen Fabeln, mündlichen Überlieferungen und persönlichen Erfahrungen.

Die Installation kreist um die Flüchtigkeit menschlicher Existenz, um Gewalt und Arroganz, aber auch um Versöhnung, Widerstand und Transformation. Kanwar versteht das Werk weniger als Klage denn als Sammlung von Geschichten, die man bei sich tragen kann – als fragiles Gegengewicht zu einer Wirklichkeit, die immer wieder von Zerstörung geprägt wird.
Mit The Charcoal Man führt er diese Gedanken weiter. Die neue Sieben-Kanal-Arbeit entstand über drei Jahre hinweg und wurde vom Kiran Nadar Museum of Art in Delhi in Auftrag gegeben. Ausgangspunkt ist Kanwars fortdauernde Auseinandersetzung mit der Teilung des indischen Subkontinents im Jahr 1947.
Bilder und Texte verweben sich zu einer Erzählung über Verrat, Rache, Leidenschaft, Eifersucht und Wut. Dabei sucht der Künstler nicht nach einer linearen historischen Darstellung. Vielmehr versucht er, aus dem Zerfall neue Zusammenhänge und aus Geschichten weitere Geschichten entstehen zu lassen. Realität, Fantasie und Fiktion werden zu gleichberechtigten Formen des Erinnerns.
49 Arten der Dunkelheit
In einem der charakteristischen, von Backstein überwölbten Powder Rooms der Serpentine North wird Such a Morning gezeigt. Der 85-minütige Film erzählt von einem angesehenen Mathematikprofessor, der sich unvermittelt aus dem öffentlichen Leben zurückzieht und in einem verlassenen Eisenbahnwaggon in einem Wald Zuflucht sucht.


Er verdunkelt die Fenster und beginnt, sich buchstäblich und geistig an die Dunkelheit heranzutasten. Aus Visionen, Halluzinationen und Erkenntnissen entstehen Briefe über 49 verschiedene Formen der Dunkelheit, zusammengefasst in einem imaginären Almanac of the Dark. Parallel dazu entwickelt sich die Geschichte einer Frau, ohne dass beide Erzählungen zu einer eindeutigen Interpretation zusammenfinden.
Die Briefe setzen sich außerhalb des Films fort. Projektionen, Videos und Texte auf handgefertigtem Ramie- und Baumwollpapier führen das Werk in den angrenzenden Galerien weiter und geben Kanwars immateriellen Bildern eine beinahe körperliche Form.
Sehen als ethische Handlung
Serpentine und Amar Kanwar verbindet eine lange Geschichte. Bereits 2008 war der Künstler Teil der Gruppenausstellung Indian Highway. Es folgten Beiträge zum Map Marathon sowie zum Filmprogramm On Earth, Structure and Sadness. Die aktuelle Ausstellung führt diesen Dialog nun in konzentrierter Form weiter.


Was Kanwars Arbeiten so gegenwärtig macht, ist ihre Weigerung, sich der Geschwindigkeit unserer Zeit anzupassen. Sie fordern Aufmerksamkeit, ohne sie zu erzwingen. Sie sprechen von Gewalt, ohne diese zum Spektakel zu machen. Und sie zeigen, dass Erinnern keine passive Rückschau ist, sondern eine ethische Handlung.
In einer Gegenwart voller Bilder schafft Amar Kanwar Räume, in denen das Sehen wieder Bedeutung bekommt. Vielleicht beginnt genau dort die Möglichkeit zur Veränderung: im Innehalten, im Zweifel – und in der Bereitschaft, auch in der Dunkelheit weiterzuschauen.
Amar Kanwar
Serpentine North, London
23. September 2026 bis 31. Januar 2027
Eintritt frei







