ICH MÖCHTE, DASS DER BETRACHTER ZUM KOMPLIZEN MEINER BILDER WIRD
M E R C E D E S H E L N W E I N
DIE BILDER VON MERCEDES HELNWEIN ERZÄHLEN GESCHICHTEN, DIE SICH EINER EINDEUTIGEN LESART ENTZIEHEN. JUNGE FRAUEN BLICKEN INS LEERE ODER DIREKT AUS DEM BILD HERAUS, KÖRPER SCHEINEN IN EINEM MOMENT EINGEFROREN, GESTEN VERRATEN MEHR, ALS DIE FIGUREN PREISGEBEN. ALLES WIRKT VERTRAUT, UND DOCH STIMMT ETWAS NICHT GANZ. ES IST DIESE FEINE VERSCHIEBUNG ZWISCHEN ALLTAG UND ABGRÜNDIGKEIT – ZWISCHEN DEM, WAS WIR SEHEN, UND DEM, WAS WIR UNS DAZU DENKEN –, DIE DEN ARBEITEN DER ÖSTERREICHISCH-AMERIKANISCHEN KÜNSTLERIN IHRE BESONDERE SPANNUNG VERLEIHT. NICHTS WIRD VOLLSTÄNDIG ERKLÄRT, NICHTS ABSCHLIESSEND AUFGELÖST. DIE EIGENTLICHE GESCHICHTE BEGINNT OFT ERST IM KOPF DES BETRACHTERS.

Mercedes Helnwein, die Tochter des österreichischen Künstlers Gottfried Helnwein, ist mit Kunst aufgewachsen. Das Atelier ihres Vaters, Ausstellungen, Theaterproduktionen und Druckereien gehörten früh zu ihrer Welt. Ihren eigenen künstlerischen Kosmos hat sie dennoch auf unverwechselbare Weise entwickelt: mit einer Malerei, die das Unheimliche nicht aus dem Spektakulären schöpft, sondern aus kleinen Verschiebungen des Gewöhnlichen. Ein leicht geneigter Kopf, ein eigentümlicher Blick, eine Haltung, die Fragen aufwirft. Im Gespräch erzählt sie, warum sie selbst oft nicht weiß, was sich vor oder nach dem dargestellten Moment ereignet, weshalb sie das Unausgesprochene mehr interessiert als jede Erklärung und warum sie sich heute bei der Wahl ihrer Mittel und Methoden weniger Grenzen setzt als früher. Ihre Arbeiten sind in der Galerie Kovacek & Zetter zu sehen und erhältlich, die 2026 ihre neue Werkschau „Ground Zero“ zeigt.
IHRE BILDER WIRKEN OFT WIE FRAGMENTE EINER GESCHICHTE, DIE NICHT VOLLSTÄNDIG ERZÄHLT WIRD. WISSEN SIE SELBST IMMER, WAS DAVOR UND DANACH PASSIERT IST?
Nein, die ganze Geschichte eines Bildes kenne ich nie. Oft weiß ich nicht einmal genau, was in jenem eingefrorenen Moment passiert, den ich festhalte. Ich kann darüber auch nur Vermutungen anstellen – wie jeder andere, der das Bild betrachtet. Mich interessiert gerade dieser Zustand, in dem etwas sichtbar wird, ohne dass sich daraus eine eindeutige Erzählung ergibt. Das Bild hält einen Moment fest, aber es liefert keine Gebrauchsanweisung dafür, wie er zu verstehen ist.


In einem künstlerischen Umfeld aufzuwachsen, war natürlich ein unglaubliches Privileg.
SIE BESCHÄFTIGEN SICH HÄUFIG MIT JUNGEN MÄDCHEN UND FRAUEN, MIT KÖRPERN, BLICKEN UND SITUATIONEN, DIE VERTRAUT UND MERKWÜRDIG ENTRÜCKT ZUGLEICH WIRKEN. WAS INTERESSIERT SIE AN DIESEM ZWISCHENZUSTAND?
Mich interessiert die Figur, die in diesem Zustand gefangen ist, und alles, was sie nicht sagt. Das Ungesagte ist oft aufschlussreicher als das, was ausgesprochen wird. Es gibt eine Spannung zwischen dem, was eine Person nach außen zeigt, und dem, was in ihr vorgehen könnte. Genau in diesem Zwischenraum möchte ich mich bewegen.
IHRE FIGUREN SEHEN UNS HÄUFIG AN, OHNE WIRKLICH MIT UNS IN KONTAKT ZU TRETEN. WAS MACHT EINEN BLICK FÜR SIE INTERESSANT?
Die Möglichkeiten, die er eröffnet. Das ganze Drama, das unterdrückt wird, die Vorgeschichte, die nicht erzählt wird, und das Potenzial für die nächste Szene. Dazu kommen die Spannung, die in einem Blick liegen kann, und natürlich die Haltung des Mädchens. Ein Blick kann eine Geschichte in Gang setzen, ohne auch nur einen einzigen Hinweis darauf zu geben, worum es eigentlich geht. Ich mag es, wenn vieles denkbar bleibt.
WIE VIEL MERCEDES HELNWEIN STECKT IN IHREN FIGUREN? UND GIBT ES BEIM MALEN MOMENTE, IN DENEN SIE ETWAS ÜBER SICH SELBST ENTDECKEN, DAS IHNEN ZUVOR GAR NICHT BEWUSST WAR?
Meine Arbeiten sind sehr fiktional, und genau das gefällt mir daran. Während ich an einem Bild arbeite, kann ich mich in einer Welt bewegen, die nicht real ist, an der ich aber teilhaben darf. Es ist eine Flucht in meine ganz eigene, private Arena. In diesem Sinn hat die Arbeit sehr viel mit mir zu tun, allerdings nicht auf autobiografische Weise. Ich muss nicht meine eigenen Erlebnisse darstellen, um etwas Persönliches in ein Bild einzubringen. Die Fiktion gibt mir vielmehr die Freiheit, mich in einer Welt zu bewegen, die ich selbst erschaffe.


SIE SIND MIT KUNST AUFGEWACHSEN UND IHR VATER IST EIN WELTBEKANNTER KÜNSTLER. WAR KUNST FÜR SIE DESHALB IMMER SELBSTVERSTÄNDLICH, ODER MUSSTEN SIE IRGENDWANN BEWUSST IHREN EIGENEN WEG FINDEN?
Ich glaube, Kunst war von Anfang an ein natürlicher Teil von mir. Ich habe ständig gezeichnet, lange bevor ich schreiben konnte. Es gab nie diesen bewussten Moment, in dem ich beschlossen hätte: Jetzt werde ich Künstlerin. Es war viel instinktiver als das. In einem künstlerischen Umfeld aufzuwachsen, war natürlich ein unglaubliches Privileg. Jeden Tag in das Atelier meines Vaters gehen zu können und mit meinen Eltern Ausstellungen, Theaterproduktionen, Druckereien und andere Orte zu besuchen, an denen Kunst entstand, hat mich enorm inspiriert. Dadurch habe ich Kunst als etwas Notwendiges und Selbstverständliches erlebt, als etwas, das im Leben immer einen zentralen Platz einnehmen sollte. Das hat mich zweifellos geprägt.
IHRE BILDER SIND OFT VON GROSSER PRÄZISION UND ZUGLEICH EMOTIONAL SCHWER ZU FASSEN. WAS STEHT AM ANFANG EINES BILDES: EIN GEFÜHL, EINE VORSTELLUNG IM KOPF ODER EINE BESTIMMTE PERSON?
Während ich an einem Bild arbeite, kann ich mich in einer Welt bewegen, die nicht real ist, an der ich aber teilhaben darf.
Das kann auf unterschiedliche Weise beginnen. Manchmal arbeite ich mit einem Modell, ohne zunächst eine konkrete Vorstellung davon zu haben, wohin die Arbeit führen soll. Dann fangen die Ideen während des Fotografierens an, sich herauszubilden. Es ist eine gute Methode, um eine Idee überhaupt erst in Gang zu bringen: Man setzt einen Termin für das Shooting an und beginnt einfach. In anderen Fällen habe ich bereits eine bestimmte Szene im Kopf. Ich weiß, wie die Figuren aussehen, was sie tun und was sie tragen sollen. Doch wenn ich während des Shootings versuche, diese Szene umzusetzen, entwickelt sie sich meistens in eine andere Richtung. Und sobald ich das Material auf Papier oder Leinwand weiterbearbeite, verändert es sich erneut. Manchmal arbeite ich auch mit alten Fotografien, die ich gefunden habe. Dann spiele ich mit dem vorhandenen Bild, verändere einzelne Elemente und lasse es durch meinen eigenen Filter laufen, bis es für mich Sinn ergibt. Am Anfang kann ich nie vorhersagen, wohin sich eine Arbeit entwickeln wird. Das gehört für mich wesentlich zum Prozess.


Mich interessiert der Moment, in dem etwas aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fällt, ohne dass sich genau sagen ließe, warum.
WAS FASZINIERT SIE AM DUNKLEN, UNHEIMLICHEN UND BISWEILEN LEICHT VERSTÖRENDEN? IST DAS AUCH EINE FORM VON FREIHEIT, WEIL DORT WENIGER ERKLÄRT WERDEN MUSS?
Ich glaube, wenn ein Kunstwerk sich zu sehr erklärt, zerstört es einen Teil seiner Kraft. Das Unheimliche, Dunkle und leicht Verstörende sind Elemente, aus denen sich gute Geschichten entwickeln lassen. Allerdings ist in meinen Arbeiten gar nicht so viel ausdrücklich verstörend oder dunkel, wie man vielleicht annehmen könnte. Die Ausgangssituationen sind meistens ziemlich gewöhnlich. Es sind oft nur kleine Details, die ein Bild in Richtung des Dunklen oder eines psychologischen Thrillers verschieben: ein Gesichtsausdruck, eine Körperhaltung, die Neigung eines Kopfes. Wie dunkel eine Arbeit tatsächlich wirkt, hängt deshalb stark davon ab, wer sie betrachtet. Ich selbst konzentriere mich beim Malen weniger auf das Dunkle als auf das Seltsame, das Bizarre. Mich interessiert der Moment, in dem etwas aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fällt, ohne dass sich genau sagen ließe, warum.


WAS HAT SICH AN IHRER ARBEIT VERÄNDERT, SEIT SIE NICHT MEHR AM ANFANG IHRER KARRIERE STEHEN? SEHEN SIE HEUTE ETWAS ANDERS ODER ERLAUBEN SIE SICH MEHR ALS FRÜHER?
Sehr viel. Auf technischer Ebene hat sich meine Arbeitsweise natürlich verändert. Aber ich habe mir auch selbst weniger Regeln auferlegt. Es ist interessant, wie sehr man gerade in jungen Jahren zum Puristen werden kann. Heute gestehe ich mir wesentlich mehr Freiheit zu, wenn es darum geht, eine Idee herauszuarbeiten. Die Themen und Motive meiner Arbeit bewegen sich noch immer in einem ähnlichen Umfeld wie früher. Aber die Möglichkeiten, sie umzusetzen, interessieren mich zunehmend mehr. Was das Medium, die Herangehensweise oder die Ideen betrifft, ist heute nichts mehr grundsätzlich ausgeschlossen. Das macht die Arbeit für mich zu einem wesentlich aufregenderen Ort. Ich muss mich nicht mehr an bestimmte Vorstellungen davon halten, wie ein Bild entstehen sollte. Ich kann die Mittel wählen, die mir für eine Idee notwendig erscheinen, und herausfinden, wohin sie mich führen. Gerade diese Offenheit empfinde ich als große Bereicherung.

WENN JEMAND IHRE KUNST NOCH NICHT KENNT UND LANGE GENUG EINES IHRER BILDER BETRACHTET: WAS WÜNSCHEN SIE SICH, DASS DIESE PERSON DARAUS MITNIMMT? EIN GEFÜHL, EINE FRAGE ODER VIELLEICHT AUCH EIN WENIG IRRITATION?
Alles, was jemand aus einem Bild mitnimmt, ist für mich legitim und ich freue mich darüber. Ich hoffe, dass die Betrachter ihre eigene Geschichte oder Erklärung dazu entwickeln und dadurch zu Komplizen bei der Entstehung des Werks werden. In dem Moment, in dem jemand beginnt, sich selbst einen Reim auf das Bild zu machen, entsteht etwas, das über das hinausgeht, was ich ursprünglich hineingelegt habe. Das finde ich spannend.






