Im neuen Hôtel LULU trifft die intellektuelle Eleganz der Rive Gauche auf Sichtbeton, Vintage-Design und mediterrane Farben. Vanessa Scoffier hat damit kein weiteres hübsches Boutiquehotel geschaffen, sondern eine eigenwillige Pariser Persönlichkeit.

Paris braucht eigentlich kein neues Hotel. Was die Stadt braucht, sind neue Orte mit Haltung. Häuser, die nicht versuchen, jedem zu gefallen, sondern eine eigene Vorstellung davon entwickeln, wie man heute wohnen, ankommen und miteinander Zeit verbringen möchte. Das gerade eröffnete Hôtel LULU am Boulevard du Montparnasse ist genau so ein Ort.
Nur wenige Schritte vom Jardin du Luxembourg entfernt treffen rohe Materialien auf weiche Texturen, Designklassiker auf Fundstücke und Pariser Ernsthaftigkeit auf eine gehörige Portion Humor. LULU ist modernistisch, ohne museal zu wirken. Intellektuell, aber nicht unnahbar. Und gerade eigenwillig genug, um neugierig zu machen.
Eine neue Figur am linken Seineufer
Der Name klingt vertraut, fast wie der Kosename einer Person, die man schon lange kennt. Tatsächlich ist LULU eine liebevolle Verkürzung des nahe gelegenen Jardin du Luxembourg. Ein Name, der zugleich an das freie, kreative und manchmal exzentrische Paris der Rive Gauche erinnert.

Hier, zwischen Montparnasse, Quartier Latin und Saint-Germain-des-Prés, eröffnet Vanessa Scoffier ihr zweites Hotelprojekt. Die frühere Modejournalistin, Stylistin, Dekorateurin und Hotelierin wurde mit dem Hôtel Henriette bekannt – einem charmanten, bohemienhaften Haus nahe der Rue Mouffetard. Für LULU wählt sie eine deutlich radikalere Sprache. Statt dekorativer Nostalgie bestimmen Sichtbeton, gebürsteter Edelstahl, Holz, recyceltes Glas und klare Linien das Bild.

Das Ergebnis ist kein kalkuliertes Designkonzept, das sich in drei Stichworten erklären lässt. Es ist eine Collage aus persönlichen Erinnerungen, Architektur, Mode, Kunst und gefundenen Dingen. Genau darin liegt seine Spannung.
Große Namen, persönliche Fundstücke
LULU verfügt über lediglich 27 Zimmer. Klein genug, um nicht in Routinen zu erstarren, und groß genug, um mehr als ein privates Gästehaus zu sein. In den öffentlichen Bereichen begegnen sich Entwürfe von Verner Panton, Tommaso Barbi, Florian Schulz, Curtis Jeré sowie Noomi Backhausen und Paul Brandborg für Søholm. Ein Corbi-Sofa von Klaus Uredat aus den 1970er-Jahren steht neben patinierten Spiegeln, Terrakottavasen, alten Büchern und Türen, die einst zu einem Schloss gehörten.


Dazwischen taucht eine für Vogue entstandene Fotografie von Manolo Campion auf. In den Korridoren durchbricht ein Leopardenmuster die kontrollierte Strenge des Hauses. Es sind genau solche Momente, die LULU davor bewahren, zu einem allzu korrekten Designhotel zu werden.
Hier wird Gestaltung nicht als Übung in Perfektion verstanden. Die Dinge dürfen unterschiedliche Geschichten erzählen. Nicht alles muss aus derselben Epoche stammen, nicht alles muss zusammenpassen. Es genügt, dass die einzelnen Elemente miteinander ins Gespräch kommen.

Auch die Geschichte des Gebäudes bleibt sichtbar. Während der Arbeiten wurde auf dem Dachboden eine alte Leuchtschrift des früheren Hôtel de Nice entdeckt. Sie blieb erhalten – wie eine kleine Erinnerung daran, dass ein Hotel nie ganz neu beginnt.
Vom Beton ans Mittelmeer
In den Zimmern wird der Ton leiser. Dicke Teppiche, naturfarbene Wände, Leinenvorhänge und zurückhaltende Materialien schaffen eine Atmosphäre, die eher an eine sehr gut eingerichtete Pariser Wohnung als an ein klassisches Hotelzimmer erinnert. Licht fällt durch die Fenster und öffnet den Blick über die Dächer der Stadt.

Dann kommt die Überraschung: Die Badezimmer leuchten in Rosa, Grün oder Blau. Vom Boden bis zur Decke verlegte Mosaike erinnern an Swimmingpools und an den Süden Frankreichs. Sie bringen Sonne, Farbe und eine beinahe filmische Stimmung in die reduzierte Welt des Hotels.


Der Kontrast ist präzise gesetzt. Beton und Edelstahl stehen für das Urbane, die farbigen Mosaike für eine imaginäre Reise ans Mittelmeer. Dazwischen entfaltet sich jene Form von Eleganz, die nicht durch Kostbarkeit entsteht, sondern durch eine sehr persönliche Auswahl.
Ein Hotel, das seinen Rhythmus verändert
Besonders interessant wird LULU dort, wo es aufhört, ausschließlich Hotel zu sein. Im Erdgeschoss öffnet sich das Haus zum Quartier. Morgens wird gefrühstückt, tagsüber verwandelt sich der Raum in einen Coffee-Shop, abends übernimmt das Piano.
Unter dem Glasdach des Wintergartens treffen Reisende auf Nachbarn, Kreative auf Flaneure und Hotelgäste auf Menschen, die nur auf einen Kaffee hereingekommen sind. Eine Feuerstelle, Bücher, offene Räume und das Klavier schaffen keine klassische Lobby, sondern eine kleine Bühne für das Pariser Alltagsleben.

Damit folgt LULU einer Entwicklung, die für die zeitgenössische Hotellerie entscheidend geworden ist: Ein relevantes Hotel definiert sich nicht mehr allein über seine Zimmer. Es muss Beziehung zu seinem Umfeld aufnehmen. Es muss Teil eines Viertels werden, statt lediglich darin zu stehen.
Bei LULU wirkt dieser Gedanke nicht wie eine nachträglich entwickelte Strategie. Er scheint vielmehr der Ausgangspunkt des gesamten Hauses gewesen zu sein.
Die Schönheit des Unfertigen
LULU besitzt jene seltene Qualität, zugleich gestaltet und intuitiv zu wirken. Nichts erscheint zufällig, doch auch nichts wurde so lange poliert, bis jede Spur von Persönlichkeit verschwunden ist. Das Hotel lässt Widersprüche zu: rohe und sanfte Materialien, modernistische Klarheit und Leopardenmuster, Pariser Intellekt und mediterrane Lebensfreude.

Vielleicht ist genau das zeitgemäßer Luxus: kein Überfluss und keine zur Schau gestellte Perfektion, sondern die Freiheit, einen Ort konsequent nach den eigenen Vorstellungen zu formen.
Paris hat also doch ein neues Hotel gebraucht. Nicht irgendeines, sondern eines wie LULU.
Hôtel LULU
155 Boulevard du Montparnasse
75006 Paris, Frankreich
27 Zimmer · Coffee-Shop · Wintergarten · Piano-Bar
hotelluluparis.com





