80 Jahre Modegeschichte – und kein Grund, rückwärtszublicken. Gattinoni übersetzt für Herbst/Winter 2026/27 die große Vergangenheit der römischen Maison in eine neue, tragbare Gegenwart. Zwischen italienischer Skulptur, 1950er-Silhouetten und moderner Weiblichkeit entsteht Prêt-à-porter mit Haltung.
Audrey Hepburn, Anita Ekberg, das Rom der 1950er- und 1960er-Jahre: Es wäre für Gattinoni ein Leichtes, sich zum 80-jährigen Jubiläum im eigenen Archiv zu verlieren. Schließlich gehört die Maison zu jener Generation italienischer Modehäuser, die das Bild von Made in Italy weit über die Landesgrenzen hinaus geprägt haben.
Doch Nostalgie interessiert Creative Director Luigi Filippo Morelli offenbar weniger als Transformation. Das historische Erbe wird nicht reproduziert, sondern zerlegt, reduziert und neu zusammengesetzt. Das Ergebnis ist die Herbst/Winter-Kollektion 2026/27 – und eine deutlichere Positionierung von Gattinoni als zeitgenössische Prêt-à-porter-Marke.


Von Couture zu Contemporary
Die neue Gattinoni-Frau lebt nicht mehr in der Welt der großen Filmstudios. Sie bewegt sich zwischen Arbeit, Reisen und Kultur, ist international, selbstständig und aktiv. Ihre Kleidung darf elegant sein – aber sie muss sich bewegen können.


Genau hier beginnt die interessante Verschiebung: Couture bleibt Teil der DNA, zeigt sich jedoch weniger in großer Geste als in Konstruktion und Detail.
Morelli findet seine Inspiration in der italienischen Skulptur. Drapierungen erinnern an in Stein gemeißelte Stoffe, Ärmel entwickeln plastisches Volumen, Rüschen werden beinahe architektonisch. Hemden erhalten dekorative Plastrons und Manschetten, Strick wird mit Rosettenstickereien versehen. Selbst Denim spielt mit Kulturgeschichte: Laserprints greifen Motive klassischer Architektur auf.
Rom, in Stein und Stoff
Auch die Farbpalette wirkt wie ein Spaziergang durch eine italienische Stadtlandschaft: Steinweiß, Grau, Beige und Braun treffen auf Olivgrün, pudriges Rosa, Anthrazit und Schwarz. Denimblau setzt einen bewusst alltäglicheren Akzent.


Flanell, Cashmere-Mischungen, Georgette, Baumwollpopeline, Eco-Fur und Eco-Wildleder erzeugen unterschiedliche Oberflächen und Volumen. Besonders die Strickwaren aus Cashmere und Schurwolle übersetzen mit ausgeprägten Rippenstrukturen architektonische Formen in etwas erstaunlich Körperliches.
Und dann sind da die 1950er-Jahre – allerdings ohne Retro-Kostüm. Betonte Schultern, ausgestellte Midi-Röcke und -Kleider, voluminöse Ärmel und Blazer mit spitzem Revers zitieren die Vergangenheit, während weite Bundfaltenhosen, Carrot-Silhouetten und oversized Hemden sie wieder ins Heute holen.
80 Jahre – und weiter
Dass Gattinoni seine neue Kollektion gemeinsam mit ausgewählten Archivstücken präsentiert, ist deshalb nur konsequent. Die Vergangenheit wird nicht versteckt. Sie wird zum Gegenüber.


Historische Filmsequenzen und Originalmodelle, die einst unter anderem Anita Ekberg und Audrey Hepburn trugen, erzählen von einer Ära, in der italienische Mode begann, ein internationales Lebensgefühl zu definieren.
Acht Jahrzehnte später stellt sich Gattinoni einer vielleicht schwierigeren Aufgabe: nicht zu zeigen, wie bedeutend die Vergangenheit war, sondern warum die Marke heute noch relevant sein kann.
Die Antwort liegt womöglich genau in dieser Kollektion: Tradition wird erst dann interessant, wenn sie sich verändern darf.







