Zwischen Rüstung und Vision, Handwerk und Science Fiction: Marina Hoermanseder nutzt ihre Frühjahr/Sommer-Kollektion 2027, um Mode als Experimentierfeld für Identität, Körper und Zukunft neu zu denken.


Mode war schon immer mehr als Kleidung. Sie erzählt Geschichten darüber, wie wir uns selbst sehen – und wie wir gesehen werden möchten. Mit ihrer Frühjahr/Sommer-Kollektion 2027 richtet Marina Hoermanseder den Blick konsequent nach vorne. Outer Space ist keine Reise ins All im klassischen Sinn, sondern eine Expedition in jene Räume, in denen Fantasie, Innovation und persönlicher Wandel entstehen.
Die österreichische Designerin entwirft ein Universum, das gleichermaßen futuristisch wie überraschend menschlich wirkt. Ihre Protagonistinnen sind keine passiven Heldinnen einer Science-Fiction-Erzählung, sondern Frauen, die vertraute Grenzen hinter sich lassen und ihre eigene Zukunft gestalten.


Mode als Schutzschild
Die Kollektion bewegt sich zwischen Stärke und Verletzlichkeit. Skulpturale Silhouetten treffen auf chromglänzende Oberflächen, eisblaues Leder und rüstungsähnliche Konstruktionen. Was zunächst wie futuristische Inszenierung erscheint, entwickelt sich bei genauerem Hinsehen zu einer Reflexion über den Körper selbst.
Hoermanseder beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie Kleidung den Menschen verändern kann. Orthopädische Formen, Korsetts und technische Konstruktionen gehören seit Beginn zu ihrer gestalterischen Sprache. In Outer Space entwickelt sie diese Handschrift konsequent weiter. Kleidung wird zum Schutzraum, aber ebenso zum Symbol von Transformation.


Handwerk trifft Zukunft
Trotz aller futuristischen Anmutung bleibt die Kollektion tief im traditionellen Handwerk verwurzelt. Besonders sichtbar wird dies in der Rückkehr der charakteristischen Twisted-Buckle-Technik, die längst zu einem Markenzeichen der Designerin geworden ist.
Gedrehte Schnallen ersetzen klassische Nähte und erzeugen gemeinsam mit mehrschichtigen Lederkonstruktionen außergewöhnliche plastische Oberflächen. Die Technik verleiht den Kleidungsstücken eine beinahe architektonische Qualität und macht sichtbar, wie sehr Innovation aus handwerklicher Präzision entstehen kann.
Gleichzeitig kehrt Marina Hoermanseder zu einem Material zurück, das ihre frühen Kollektionen geprägt hat: naturbelassenes Leder. In Kombination mit futuristischen Formen entsteht ein spannender Dialog zwischen Ursprung und Vision.


Der Körper als kulturelle Projektionsfläche
Besonders interessant wird die Kollektion dort, wo sie Mode mit gesellschaftlichen Fragen verbindet. Die Hyper Physicality Vase übersetzt übersteigerte anatomische Ideale in eine bewusst überzeichnete Formensprache. Dahinter steht die Auseinandersetzung mit Körperbildern und den Mechanismen toxischer Männlichkeit.
Auch die erstmals vorgestellten Strap Pants und Strap Shorts für Menswear erweitern die bekannte Designsprache der Marke. Die ikonischen Strap-Elemente werden dabei nicht einfach übernommen, sondern in einen neuen Kontext gestellt und öffnen Marina Hoermanseders Ästhetik erstmals stärker für den männlichen Körper.


Eine neue Ästhetik des Unbekannten
Farblich bewegt sich Outer Space zwischen natürlichen Erdtönen und intensivem Orange. Swarovski-Kristalle in Blau- und Grüntönen erinnern an kosmische Tiefen, während die sogenannte Lunar Landscape-Technik Oberflächen entstehen lässt, die an die Struktur von Mondgestein erinnern.
Den eindrucksvollen Abschluss bildet die Alien Vase – eine skulpturale Arbeit mit orthopädisch inspirierten Kopf- und Armelementen. Sie verweist auf Marina Hoermanseders Zeit bei Alexander McQueen und dessen legendäre Kollektion Plato’s Atlantis, ohne dabei nostalgisch zu wirken. Vielmehr versteht sich der Entwurf als Blick in eine Zukunft, deren Form wir heute noch nicht kennen.


Wenn Mode Zukunft sichtbar macht
Mit Outer Space präsentiert Marina Hoermanseder weit mehr als eine neue Saisonkollektion. Sie nutzt Mode als Medium, um über Veränderung, Identität und die Grenzen unserer Vorstellungskraft nachzudenken.
Zwischen Couture, Produktdesign und Performance entsteht eine Bildwelt, die zeigt, dass die spannendsten Entwicklungen oft dort beginnen, wo bekannte Kategorien enden. Gerade in einer Zeit, in der Zukunft häufig mit Unsicherheit verbunden wird, entwirft Hoermanseder eine andere Perspektive: eine Zukunft, die Neugier weckt und Kreativität als stärkste Form des Fortschritts versteht.
Foto Credits: BERLIN, GERMANY – JULY 3: Runway at the Marina Hoermanseder Show during Berlin Fashion Week Spring/Summer 2027 at Haus der Visionaere on July 3, 2026 in Berlin, Germany. (Photos by Isa Foltin/Getty Images via Hoermanseder)








