Was passiert, wenn ein Porsche 911 nicht einfach restauriert, sondern wie ein Louis-Vuitton-Reisekoffer gedacht wird? Louis Vuitton und Singer bringen Mode, Uhrmacherei, Lederhandwerk und Automobildesign zusammen – und machen aus zwei Klassikern außergewöhnliche Designobjekte.

Es begann erstaunlich klein: mit einer Uhr.
Singer, das kalifornische Atelier, das für seine hochindividualisierten Restaurierungen klassischer Porsche 911 bekannt ist, wandte sich an Louis Vuitton, um eine Uhr für das Armaturenbrett eines Fahrzeugs entwickeln zu lassen. Gefertigt werden sollte sie von La Fabrique du Temps Louis Vuitton in der Schweiz.
Doch aus der Uhr wurde eine Idee. Und aus der Idee schließlich ein ganzes Auto – genauer gesagt zwei.

Mit dem Porsche 911 Reimagined by Singer – Classic und dem Porsche 911 Reimagined by Singer – Classic Turbo übersetzen Louis Vuitton und Singer ihre jeweiligen Vorstellungen von Handwerk, Präzision und Individualität in automobile Form.
Vom Detail zum Gesamtkunstwerk
Im Zentrum des Projekts steht zunächst eine mechanische, herausnehmbare Uhr, deren Gestaltung von Louis Vuittons Tambour inspiriert ist. Sie lässt sich aus dem Cockpit nehmen und als Tischuhr verwenden.


Doch genau dieses Detail setzte etwas in Bewegung. Damit sich die Uhr selbstverständlich in das Fahrzeug einfügt, musste auch das Instrumentarium neu gedacht werden. Tacho, Drehzahlmesser, Zeiger, Indizes und Anzeigen übernahmen Gestaltungselemente der Tambour-Uhren.
Was nach einer vergleichsweise kleinen Designaufgabe klingt, nahm ein Jahr Entwicklungsarbeit in Anspruch.
Und damit war die Richtung vorgegeben: Nicht einzelne Louis-Vuitton-Elemente sollten einem Singer hinzugefügt werden. Vielmehr sollte ein gestalterisches Ganzes entstehen.
Saffron, Cobalt Blue und die Geschichte des Reisens
Der Porsche 911 Reimagined by Singer – Classic trägt eine Farbkombination aus Safran und Kobaltblau. Sie ist nicht zufällig gewählt: Safran findet sich seit mehr als 150 Jahren in den Archiven von Louis Vuitton und erinnert gleichzeitig an Bahama Yellow, eine Farbe, die mit frühen Singer-Projekten verbunden ist.
Kobaltblau wiederum verweist unter anderem auf historische Reisekoffer, die Louis Vuitton bereits 1924 für Citroën entwarf.

Im Innenraum wird diese Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart noch deutlicher. Natürliches Leder, gelbe Sattlernähte und Prägungen, die das typische „Malletage“-Muster historischer Vuitton-Koffer aufnehmen, treffen auf Metallkomponenten, die mit einer Präzision bearbeitet wurden, wie man sie eher aus der Haute Horlogerie kennt.
Selbst die Belüftungsöffnungen der Sitze tragen von Hand gefertigte Monogram-Blüten.
Kunststoff, wie er gewöhnlich in Fahrzeuginnenräumen eingesetzt wird, wurde weitgehend durch Metall und natürliche Materialien ersetzt. Regler, Schalter, Verschlüsse und Lüftungsöffnungen wurden einzeln gefertigt, poliert und satiniert.


Das Auto wird dadurch fast zu einem begehbaren – oder besser: fahrbaren – Stück Produktdesign.
Nicolas Ghesquière denkt den 911 neu
Noch überraschender ist der zweite Entwurf. Der Porsche 911 Reimagined by Singer – Classic Turbo entstand unter der kreativen Leitung von Nicolas Ghesquière, Artistic Director of Women’s Collections bei Louis Vuitton.
Ghesquière verbindet darin zwei Welten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: Automobil- und Yacht-Design.

Die Cabriolet-Karosserie ist in Calcaire Lutétien gehalten – jenem hellen Kalksteinton, der das Stadtbild von Paris prägt. Dazu kommen Goldakzente, natürliches Leder und Holz. Hinter den Sitzen befindet sich eine eigens entwickelte Gepäckzone aus lackiertem Holz, deren Verarbeitung an die Decks klassischer Runabouts erinnert.
Auch der hintere Gepäckraum spielt mit dieser Idee: Ein von Teakholz inspiriertes Deck verwandelt den offenen 911 in eine Art Roadster-Yacht.
Ghesquière wollte ein Auto schaffen, das sich seiner Umgebung öffnet – Sonne, Natur, Geschwindigkeit und Materialität werden Teil des Erlebnisses.


Das Auto als Reiseobjekt
Louis Vuitton wäre nicht Louis Vuitton, würde die Gestaltung an der Karosserie enden.
Für beide Fahrzeuge entstanden eigene Capsule Collections. Fahrerjacken, Handschuhe, Schuhe, Helme, Uhren und Sonnenbrillen wurden ebenso auf die Autos abgestimmt wie maßgefertigte Gepäckstücke.
Für den Classic gibt es sogar einen eigens entwickelten Dachträger, auf dem neben Koffern auch ein Louis-Vuitton-Surfboard oder Ski transportiert werden können. Das Surfboard wird aus hellem Eichen- und Walnussholz gefertigt, die Ski entstehen in den französischen Alpen aus Holz, Titan und Stahl.


Damit schließt sich ein historischer Kreis. Schon 1897 bot Georges Vuitton spezielle Autokoffer an, die auf Fahrzeugen befestigt werden konnten. Mit dem Aufstieg des Automobils entwickelte das Haus immer neue Lösungen für eine Gesellschaft, die plötzlich anders reiste.
1909 gingen Pierre und Jean Vuitton sogar noch einen Schritt weiter und entwarfen ein eigenes Automobil auf Basis eines Stabilia-Sportchassis.
Luxus, der sich anfassen lässt


Gerade deshalb funktioniert Louis Vuitton x Singer nicht wie eine typische Brand Collaboration.
Interessant ist weniger das Nebeneinander zweier berühmter Namen als die obsessive Beschäftigung mit Details: Wie fühlt sich ein Schalter an? Wie reflektiert eine Metalloberfläche das Licht? Wie geht Leder in Holz über? Wie lässt sich die grafische Sprache einer Uhr in einen Drehzahlmesser übersetzen?
Singer betrachtet den klassischen 911 ohnehin nicht als abgeschlossenes Designobjekt, sondern als Ausgangspunkt. Louis Vuitton wiederum beschäftigt sich seit seiner Gründung mit der Frage, wie sich Reisen durch Gestaltung verändern lässt.


In diesen beiden Fahrzeugen treffen sich diese Perspektiven.
Das Ergebnis ist vielleicht weniger ein Auto mit Louis-Vuitton-Details als eine ziemlich radikale Vorstellung davon, was ein Auto sein kann: Maschine, Modeobjekt, Reisebegleiter und persönlicher Raum zugleich.







