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Der neue Luxus der Oberfläche

Wie Kartell auf dem Salone del Mobile 2026 Textur, Material und Persönlichkeit in den Mittelpunkt rückt

Lange Zeit schien sich gutes Design vor allem über Reduktion zu definieren. Klare Linien, ruhige Farben und möglichst wenig visuelle Ablenkung bestimmten viele Interior-Kollektionen. Auf dem Salone del Mobile 2026 zeigt Kartell nun eine andere Richtung auf. Die italienische Designmarke rückt nicht das Objekt selbst in den Mittelpunkt, sondern seine Oberfläche, seine Materialität und die Geschichten, die dadurch entstehen.

Die Kollektion versteht sich weniger als Ansammlung neuer Möbel, sondern als Einladung, Räume emotionaler zu denken. Farben, Texturen und Materialien werden zu Gestaltungsmitteln, die Atmosphäre schaffen und den Charakter eines Interieurs prägen. Kartell verbindet dabei industrielle Präzision mit handwerklicher Anmutung und nutzt technologische Innovationen sowie künstliche Intelligenz nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeuge, um Design neue erzählerische Dimensionen zu verleihen.

Teppiche als architektonische Landschaften

Besonders eindrucksvoll zeigen das die neuen Teppichkollektionen. Ferruccio Laviani interpretiert mit GRID und BEMBO textile Oberflächen als grafische Kompositionen. Während GRID von der Struktur traditioneller Webtechniken inspiriert ist und mit feinen Linien architektonische Tiefe erzeugt, erinnert BEMBO an einen spontanen Tuschestrich, der Bewegung und Dynamik in den Raum bringt. Die Teppiche wirken dadurch weniger dekorativ als vielmehr wie Kunstwerke, die den Charakter eines Raumes definieren.

Auch Patricia Urquiola denkt den Teppich neu. Ihre Kollektion PINCEL übersetzt den freien Pinselstrich in ein textiles Objekt. Linien verlaufen organisch, Farben wirken wie von Hand aufgetragen und verändern ihre Wirkung je nach Lichteinfall und Perspektive. Das Ergebnis ist eine Oberfläche, die lebendig wirkt und zwischen Design, Malerei und Handwerk vermittelt.

Design mit Charakter

Einen spannenden Gegenpol setzt Philippe Starck mit PRINCE OHOH. Der skulpturale Hocker spielt mit einer sanduhrähnlichen Geometrie und übernimmt ganz selbstverständlich unterschiedliche Rollen – als Sitzgelegenheit, Beistelltisch oder dekoratives Objekt. Humor, Funktion und skulpturale Präsenz verschmelzen hier zu einem Möbelstück, das bewusst Persönlichkeit zeigt.

Kartell beweist damit, dass zeitgenössisches Design längst nicht mehr nur von neuen Formen lebt. Entscheidend ist die Fähigkeit, Materialien fühlbar zu machen und Objekte zu schaffen, die über ihre Funktion hinaus Emotionen auslösen. Gerade in einer Zeit digitaler Perfektion scheint genau diese sinnliche Qualität der wahre Luxus zu sein.

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