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Jae Ko: Was Papier werden kann

Die koreanische Künstlerin verwandelt gerolltes Papier in Skulpturen, die an Baumringe, Strömungen und geologische Schichten erinnern. Mit „Striated“ zeigt die Galerie 22MUSE in Antwerpen ihre erste Einzelausstellung in Belgien.

Ein grüner Körper wölbt sich aus einem schwarzen Rand. Über seine Oberfläche ziehen sich unzählige feine Linien, dicht an dicht, bis tief ins Zentrum. Man denkt an Holz, vielleicht an einen Stein, den Wasser über lange Zeit geformt hat. Tatsächlich besteht „JK426 Green and Black“ aus gerolltem Papier. Ein vertrautes Material, das unter Jae Kos Händen eine erstaunliche körperliche Präsenz entwickelt.

Papier begleitet unseren Alltag meist beiläufig. Wir beschreiben es, bedrucken es, werfen es weg. Jae Ko beschäftigt sich seit mehr als vierzig Jahren damit – und entdeckt immer noch neue Möglichkeiten, ihm Form zu geben. In ihren Arbeiten verdichten sich schmale Bahnen zu Spiralen, Wölbungen und verschlungenen Körpern. Jede einzelne Lage bleibt Teil der Oberfläche. Wer genauer hinsieht, erkennt, wie viel Bewegung in diesen scheinbar ruhenden Objekten steckt.

Die kommende Ausstellung „Striated“ bei 22MUSE in Antwerpen versammelt Arbeiten aus einer prägenden Phase dieser langjährigen Auseinandersetzung. Ihr Titel bezeichnet feine Streifen, Rillen oder parallele Linien: jene Strukturen, die sich durch Kos Skulpturen ziehen und zugleich an die Spuren natürlicher Prozesse erinnern.

Eine Papierrolle auseinandernehmen

Am Anfang steht häufig industrielles Rollenpapier, darunter die schmalen Papierbänder von Rechenmaschinen. Ko wickelt die eng gerollten Bahnen ab und rollt sie lockerer wieder auf. So gewinnt sie Spielraum, um das Material zu drehen, zu falten und zu verschieben. Je nach Arbeit kommen weitere Verfahren hinzu: Das Papier wird gestapelt, geschnitten, eingeweicht, vergraben oder dem Sonnenlicht ausgesetzt.

Dabei interessiert sie auch, was sich ihrer unmittelbaren Kontrolle entzieht. Wie reagiert eine bestimmte Papiersorte auf Feuchtigkeit? Was verändert sich beim Trocknen? Welche Spannung entsteht zwischen den einzelnen Lagen?

Für ihre mit Tinte getränkten Skulpturen kann der Trocknungsprozess Monate dauern. Die Form entsteht durch die Arbeit der Künstlerin ebenso wie durch das Verhalten des Materials. Zeit wird auf diese Weise zu einem Bestandteil der Skulptur.

Eine besondere Verbindung liegt in der Verwendung von Sumi-Tinte. Die auf Ruß basierende Kalligrafietinte bringt Ko mit Papier zusammen – zwei Materialien, deren Ursprung sich auf Holz zurückführen lässt. Aus diesem gemeinsamen Ausgangspunkt entstehen Formen, die wiederum an Bäume, Wurzeln oder Samen erinnern. Manche wirken wie ein Schriftzeichen, das Volumen angenommen hat.

Zwischen Baumring und Farbkörper

Die Natur liefert Ko ein weit verzweigtes Repertoire. Jahresringe und Gesteinsschichten, vom Wind gebogene Bäume, Wasserbewegungen und Gletscher finden Entsprechungen in ihrer Arbeit. Ihre Skulpturen lassen diese Assoziationen offen. Eine Spirale kann an Wachstum erinnern, eine Faltung an Druck, eine geschichtete Oberfläche an Ablagerungen über lange Zeit.

Zur organischen Form kommt die Farbe. Der Ausstellungskatalog zeigt Rotviolett, Magenta, Ultramarinblau sowie Grün und Rot auf schwarzem Grund. Bei „JK426 Green and Black“ scheint das Grün aus der dunklen Einfassung hervorzutreten. Die feinen Papierlagen geben der Farbe eine Richtung; der Blick folgt ihnen fast unwillkürlich.

Ko wurde 1961 in Korea geboren, studierte in Japan und später am Maryland Institute College of Art in Baltimore. Heute lebt und arbeitet sie in Maryland. In ihrer Bildsprache begegnen sich die kräftigen Farben traditioneller koreanischer Umgebungen und Eindrücke amerikanischer Landschaften. Mit jedem Wechsel des Umfelds erweitert sich auch das, was sie im Material entdeckt.

Jede Lage bleibt sichtbar

Auch Architektur und der Konstruktivismus des frühen 20. Jahrhunderts gehören zu Kos Bezugspunkten. Das zeigt sich in ihrem Interesse an Volumen, räumlichen Beziehungen und dem Zusammenspiel einzelner Elemente. In ihren großformatigen Installationen werden dicht gepackte Papierbündel nach oben hin lockerer. Falten und Zwischenräume öffnen sich; die Arbeiten können an Hügel, Wellen oder Eislandschaften erinnern.

Die Papierkante bleibt dabei eine Linie, selbst dort, wo sie Teil eines mächtigen Körpers geworden ist. Darin liegt ein besonderer Reiz dieser Kunst: Man kann die Skulptur als Ganzes betrachten und sich im nächsten Moment in einer winzigen Verschiebung zwischen zwei Lagen verlieren.

„Striated“ gibt dieser Aufmerksamkeit einen konkreten Anlass. Ein alltägliches Material zeigt sich mit einer Dichte, die man ihm kaum zugetraut hätte. Und plötzlich möchte man wissen, wohin die nächste Linie führt.

Jae Ko – Striated
22MUSE, Oudaan 22, Antwerpen
Vernissage: 22. Oktober 2026
Ausstellung: 23. Oktober bis 28. November 2026
Montag bis Samstag, 10:30–18:00 Uhr
Weitere Informationen zur Ausstellung

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