Felicitas Thun-Hohenstein: denken gegen das denken

Curator Felicitas Thun-Hohenstein Curator Austrian Pavillion Bienale Arte 2019

Tex by Hedi Grager

Felicitas Thun-Hohenstein wird im Österreich-Pavillon bei der Biennale Arte 2019 die erste Einzelausstellung einer Künstlerin kuratieren.

Felicitas Thun-Hohenstein, Kuratorin, Autorin und Professorin an der Akademie der Bildenden Künste Wien, ist die neue Kuratorin des Österreich-Pavillons bei der Biennale in Venedig. Mit ihrer großen Kenntnis um die Kunstszene und viel Energie wird sie die Gestaltung der Ausstellung bei der 58. Kunst-Biennale in Angriff nehmen. 2019 wird dabei mit Renate Bertlmann erstmals in der Geschichte der österreichischen Biennale-Beiträge eine Künstlerin den Pavillon mit einer Einzelpräsentation bespielen. Ihre Arbeit als Kuratorin sieht Felicitas Thun-Hohenstein auch als Reise in einen Erfahrungs- und Erkenntnisraum, „den ich teilweise gerne offen lasse, weil die Zwischenräume und Fragen, die im Laufe der Entwicklung solcher Projekte entstehen, integrale und wichtige Ko-Produzenten darstellen“.

Austrian Pavillion Bienale Arte 2019
Austrian Pavillion Bienale Arte 2019

EINZIGARTIGE HERAUSFORDERUNG

Felicitas Thun-Hohenstein sits opposite me in her pleasantly airy office spaces – an attractive woman, a smart-casual look and palpable drive. When asked about how she first reacted to the invitation to design the Austria Pavilion as a curator, she replied: “Joy! Curating the Austrian entry for the Venice Biennale is a unique challenge and reward. The Biennale attracts a considerable amount of attention, so this function also provides the possibility of representing the interest of artists and the potential of art in socio-political contexts with more emphasis, which is great.”

Felicitas Thun-Hohenstein sitzt mir in ihren angenehm luftigen Büroräumlichkeiten gegenüber – eine attraktive Frau, sportlich-elegant gekleidet und spürbar voller Tatendrang. Auf meine Frage nach ihrer ersten Reaktion auf die Einladung, den Österreich-Pavillon als Kuratorin zu gestalten, meint sie: „Freude! Der österreichischen Beitrag für die Venedig-Biennale zu kuratieren ist eine einzigartige Herausforderung und Anerkennung. Die Biennale schafft eine große Aufmerksamkeit, daher bietet diese Funktion auch die Möglichkeit, die Interessen von KünstlerInnen und die Potentiale von Kunst in gesellschaftspolitischen Zusammenhängen mit mehr Nachdruck zu vertreten, was großartig ist.“

Ich bin ja auch jemand, der sehr gerne Dinge auf den Weg bringt und ermöglicht.

DIE KÜNSTLERIN RENATE BERTLMANN

„In den letzten Jahren haben sich bereits viele KuratorInnen und KünstlerInnnen dafür eingesetzt, dem Anachronismus ein Ende zu setzen, dass in einer über 80-jährigen Geschichte des Österreich- Pavillons noch nie eine Künstlerin mit einer Solopräsentation gezeigt wurde, während seit 1960 regelmäßig männliche Künstler Einzelausstellungen hatten. Es ist hoch an der Zeit, diese Schieflage auszugleichen und ich freue mich sehr, gemeinsam mit einer so großartigen Künstlerin wie Renate Bertlmann, die als Feministin und Performancekünstlerin immer schon Pionierarbeit geleistet hat, hier ein Zeichen setzen zu können.“

Fotos Bertlmann & Thun Hohenstein: Irina Gavrich

KUNST IST DAS, WAS BLEIBT

Die Kunstexpertin ist seit 2005 auch Professorin für Kunst- un Kulturwissenschaften. In ihrer Tätigkeit geht es ihr insbesondere darum, herauszufinden, welche Vermittlungsformate und Sprachen entwickelt werden können, um Fragen der Kunst bzw. künstlerische Verfahrensweisen in einer Gesellschaft wirksam werden zu lassen. „Ich bin zutiefst überzeugt vom transformativen und politischen Potential der Kunst und denke, man muss alles tun, dieses kreative Denken oder das Denken gegen das Denken innerhalb gesellschaftlicher Prozesse produktiv zu machen. Kunst ist das, was bleibt, ich denke da an da Vinci oder Michelangelo, und dafür muss man den Handlungsraum und die Sprache schaffen.“

LAUREN & CATHRIN

Ins Schwärmen gerät Felicitas Thun-Hohenstein, wenn sie von ihrer Tochter und ihrer gemeinsamen Arbeit spricht. Lauren leitet den neu implementierten Studiengang Cross Media Production am SAE Institute Vienna, wo sie Film studiert hat. Stolz erzählt mir die Kuratorin über eine ihrer Ausstellungen im Austrian Cultural Forum New York, zu der Lauren sie begleitet hat. „Als wir nach der Eröffnung entspannt bei einem Drink standen, kam ein Besucher auf uns zu und meinte, dass es schon eine interessante Ausstellung sei, er aber manche Fotos als wirklich irritierend empfinde. Lauren antwortete darauf mit gerade mal 21 Jahren: ‚Das sind doch die Wichtigen und genau jene, die Sie weiterbringen.‘ Ich war so stolz!“

Solyanka State Gallerie, Moscow 2017

Gerne erinnert sie sich auch an die 2012 verstorbene Kuratorin Cathrin Pichler. „Sie war eine radikale Denkerin und hat ein Querdenken gepflegt, das mir sehr nahe ist. Sie war eine wunderschöne Frau mit Geist und Glamour und eine Pionierin zum Thema Kunst und Wissenschaften. Ihre Hartnäckigkeit und Kompromisslosigkeit waren mir ein Leitbild – bei ihrer gleichzeitigen Warmherzigkeit und Schönheit.“ Felicitas Thun-Hohenstein bekam den gesamten schriftlichen Nachlass von Cathrin Pichler überantwortet.

KLARE HALTUNG UND FRAUENSOLIDARITÄT

„Klare Haltung einzunehmen ist nicht einfach, aber sie nicht einnehmen zu dürfen, ist schrecklich“, meint die Kuratorin mit Nachdruck. „Auch hier befinden wir uns in einer kulturellen und geographischen Umgebung, in die wir privilegiert hineingeboren wurden. Wir haben daher sogar die Verpflichtung, die Stimme zu erheben für eine Gesellschaft, die für Toleranz und Offenheit steht und die den unterschiedlichen Lebensformen Raum geben kann.“

Für sich selbst fallen ihr Eigenschaften wie Offenheit, Neugierde, Toleranz oder Solidarität ein. Solidarität versteht sie dabei im Sinne eines „Einander Stützens“. Es gehe darum, sich auf dem jeweiligen Weg zu unterstützen, ohne diesen in Frage zu stellen, und sich dabei gegenseitig wachsen zu lassen.

BERUF UND FAMILIE

Natürlich war es für Felicitas Thun-Hohenstein auch nicht immer leicht, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. „Aber ich war in einer bevorzugten Situation, denn ich hatte Hilfe und konnte zwei Leidenschaften vereinen: nämlich meine Kinder, die immer Vorrang haben, und meinen Beruf. Es waren sehr intensive Jahre, in denen ich viel in der Nacht gearbeitet habe.“ Ich muss schmunzeln, als sie mir erzählt, dass sie ihre Dissertation im Schlafzimmer ihrer Kinder geschrieben hat und Lauren und Benedikt gerne verkünde haben, „wir schlafen am besten, wenn die Mama tippt“. „Ich erlebe meine Kinder als großes Geschenk, Benedikt, mein Sohn ist 21 Jahre alt und studiert Medizin, und Lauren ist 24. Sie sind meine tollsten Sparring-
Partner im Leben – in jeder Hinsicht.“

Zur Entspannung macht sie gerne Yoga und Sport, „und ich gehe mit Lauren zweimal wöchentlich boxen. Im September ging es sogar gemeinsam auf einen 5000er in Tansania.“ Sie verrät mir noch, dass sie schon immer sehr gerne in einem Chor gesungen hat. „Ich kann mir vorstellen, dass ich das irgendwann wieder einmal mache, ach ja und tanzen, viel mehr tanzen sollten wir.“

Hedi Grager & Felicitas Thun Hohenstein
Hedi Grager & Felicitas Thun Hohenstein, Foto: Reinhard Sudy

www.biennalearte.at


Die Journalistin und Bloggerin Hedi Grager porträtiert interessante Menschen und schreibt über Lifestyle, Mode, Design, Filme und Beauty.

hedigrager.com

Photo: Barbara Nidetzky