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Ein verzaubernder Märchengarten

Das private Wohnhaus Pennyroyal Tea in Chennai ist eine Hommage an das indische Handwerk und die Kultur. Das Gebäude entfaltet sich wie ein lebendiger Garten – voller liebevoller und witziger Details, die entdeckt werden wollen.

Wo die feuchte Brise des Golfs von Bengalen über die Stadt Chennai streift, liegt ein Haus, das zwar ein privates Wohnhaus ist. Gleichzeitig ist „Pennyroyal Tea“ aber auch so etwas wie ein Manifest für zeitgenössische indische Wohnkultur – reich an Texturen, durchdrungen von kultureller Symbolik und getragen von der Arbeit hunderter Handwerker.

Prozess der kulturellen Verankerung

Über zweieinhalb Jahre hinweg kamen für dieses Projekt mehr als 200 Kunsthandwerker aus ganz Indien zusammen. Alles an und in dem Gebäude ist ein Kunstwerk. Das detailreiche, fast märchenhafte Refugium entstand unter der Federführung des in Bengaluru ansässigen Kreativstudios Multitude of Sins (MOS).

Pennyroyal Tea
Die Eingangstür ist mit floralen Gravuren versehen, in einem Rahmen aus grauem und grünem Marmor eingebettet. Eine Eintrittspforte in ein Märchenland.

So originell wie der Name des Kreativstudios klingt, so originell ist das an der Ostküste des südindischen Bundesstaates Tamil Nadus entstandene Projekt. Pennyroyal Tea verwebt Handwerk, Architektur und Interior Design untrennbar miteinander. Für Chefdesignerin Smita Thomas war es weniger ein klassisches Bauvorhaben als vielmehr ein Prozess der kulturellen Verankerung.

Wie im „Märchengarten“

Schon beim Betreten des Hauses wird klar, dass im Pennyroyal Tea sinnliche Feinheiten regieren. Die Eingangstür ist mit floralen Gravuren versehen, in einem Rahmen aus grauem und grünem Marmor eingebettet. Der eigens entworfene Kronleuchter, eine kaskadenartige Skulptur aus Holzperlen und Metallringen, wirkt wie eine botanische Installation.

Wir wollten ein Gefühl des Staunens hervorrufen, in dem jeder Raum eine eigene Identität hat, sich aber dennoch in eine gemeinsame Sprache einfügt.

Smita Thomas, Chefdesignerin Multitude of Sins

Das Foyer inszeniert indisches Handwerk in einer spielerischen, beinahe poetischen Form. An einer Wand öffnet sich ein Schuhschrank, dessen Gestaltung an verflochtene Schnürsenkel erinnert, während strukturierte Tapetenflächen den Raum rahmen. Schon hier zeigt sich die Handschrift von MOS: Alltägliche Funktionen erhalten einen künstlerischen, oft humorvollen Dreh, auf den Moment der Entdeckung wartend. Räume, die Geschichten erzählen.

Pennyroyal Tea
Alltägliche Funktionen erhalten einen künstlerischen, oft humorvollen Dreh.
Pennyroyal Tea
In der Gästetoilette durchbricht ein kräftiger Rotton den Hintergrund.

Der Wohn- und Essbereich bildet das Herzstück des Hauses – und ist ebenso von subtilen Überraschungen durchzogen. Zwei von MOS entworfene Tische geben die Tonalität vor: Der eine ist von den Mondphasen inspiriert und von Armlehnstühlen aus gealtertem Holz umstellt. Der andere erinnert mit seiner organischen Formensprache an abstrahierte Blätter.

Eine L-förmige Marmorlounge mit Baldachin zieht die Blicke auf sich. Verziert ist dieser mit kleinen Vögeln aus Glas, Messing und Stahl, zwischen denen Blüten wie in einem Gartenhimmel aufblühen. Der Essbereich wird von einem großformatigen Tisch aus zweifarbigem Holz dominiert, dessen trapezförmige Beine skulptural wirken.

Akzente dank der verwendeten Materialien

„Wir wollten Möbel, die nicht nur funktional, sondern auch bedeutungsvoll sind“, erklärt Thomas. Tatsächlich stammen rund 80 Prozent aller Einrichtungsgegenstände aus Sonderanfertigungen, die in Zusammenarbeit mit Handwerkern aus ganz Indien entstanden.

Pennyroyal Tea
Die Materialien wie glänzende Fliesenflächen oder Teppiche, strukturierte Wände, Mosaikböden und -wände setzen Akzente.

Besondere Akzente setzen Materialien: glänzende Fliesenflächen auf der oberen Etage, strukturierte Wände im Essbereich oder Mosaikböden, die die Übergänge zwischen den Räumen betonen. Selbst Nebenräume überraschen: Etwa die Gästetoilette, in der ein kräftiger Rotton den minimalistischen Hintergrund durchbricht.

Auch in funktionalen Bereichen wie der Küche bleibt das Design präzise durchdacht. Der Raum ist in drei Zonen gegliedert – Trockenküche, Nutzküche und Speisekammer – und verbindet damit Funktionalität mit einer klaren Raumordnung.

Pennyroyal Tea
Zentrales Prinzip im Wohnhaus Pennyroyal Tea: Handwerk ist hier nicht Dekoration allein.
Pennyroyal Tea
Rund 80 Prozent aller Einrichtungsgegenstände sind Sonderanfertigungen.

Die Schlafräume dagegen entfalten eine Atmosphäre von Ruhe und Modernität. Das Hauptschlafzimmer ist großzügig dimensioniert und bewusst reduziert gestaltet. Seine klaren Linien und die Kombination aus Holz und Stoff verleihen ihm eine elegante Zurückhaltung, die in Kontrast zum detailreichen öffentlichen Bereich des Hauses steht.

Architektur als Handwerk

So vielgestaltig die Räume auch wirken, allen gemeinsam ist ein zentrales Prinzip: Handwerk ist hier nicht Dekoration allein, sondern das Fundament für alles Weitere. MOS verzichtete bewusst auf standardisierte Produkte und Massenware. Stattdessen wurden Naturstein, Massivholz und Messing lokal beschafft und von Hand verarbeitet. Oberflächen sind frei von aggressiven Chemikalien, was nicht nur der Umwelt, sondern auch der Raumluftqualität zugutekommt.

Pennyroyal Tea
Die Schlafräume entfalten eine Atmosphäre von Ruhe und Modernität.
Pennyroyal Tea
Das Hauptschlafzimmer ist großzügig dimensioniert, entbehrt aber nicht lustiger Elemente.

„Jedes Stück wurde mit Bedacht geschaffen“, sagt Thomas. „Wir setzen auf Rohmaterialien und innovative Techniken, um eine tiefere Verbindung zur Umwelt und zur Gemeinschaft herzustellen.“ Dieses Credo durchzieht die gesamte Residenz: Von den geschnitzten Holzplatten bis zu den handgearbeiteten Messingbändern erzählt jedes Detail eine Geschichte von Können, Geduld und kultureller Verwurzelung.

Nachhaltigkeit in mehrfacher Hinsicht

Pennyroyal Tea versteht Nachhaltigkeit nicht nur ökologisch, sondern auch sozial. Beim Bauprozess wurde die Entstehung von Abfall minimiert, man griff auf recycelte Materialien zurück, um den CO₂-Fußabdruck zu reduzieren. Ebenso wichtig war die Einbindung von Handwerkern und damit die Förderung lokaler Klein- und Kleinsbetriebe. Indem MOS Steinmetze, Zimmerleute, Fliesenleger und Metallarbeiter aus verschiedenen Regionen zusammenbrachte, entstand ein Netzwerk, das nun weit über den Bau hinaus Bestand hat. Das Projekt stärkte lokale Gemeinschaften und trug dazu bei, traditionelle Fertigkeiten wirtschaftlich wie kulturell zu sichern.

Pennyroyal Tea
Das Projekt beweist, dass moderne Wohnarchitektur auch dann global wirken kann, wenn sie radikal lokal bleibt.

Damit stellt Pennyroyal Tea die gängige Logik vieler Bauprojekte infrage. Darf Architektur heutzutage, wo vor allem schnelle Effizienz zählt, auch ein langsamer, partizipativer Prozess sein, der traditionelles Handwerker-Wissen bündelt und weiterträgt?

Ein Haus als lebendige Leinwand

Obwohl Pennyroyal Tea streng genommen eine private Residenz ist, liest es sich wie ein offenes Archiv indischer Handwerkskultur. Die Räume sind nicht bloß Kulisse, sondern aktive Erzähler – von der Marmorliege im Wohnzimmer bis zu den floralen Gravuren der Eingangstür.

Pennyroyal Tea wirkt zugleich zeitgenössisch und zeitlos. Es schöpft aus jahrhundertealten Techniken, ohne nostalgisch zu werden. Es feiert Vielfalt innerhalb einer klaren gestalterischen Haltung, ohne in Beliebigkeit zu verfallen. Und es beweist, dass moderne Wohnarchitektur auch dann global wirken kann, wenn sie radikal lokal bleibt.

Im Endeffekt ist Pennyroyal Tea mehr als ein ästhetisches „Produkt“. Das Projekt ist ein Plädoyer für ein bewusstes Bauen, das Handwerk nicht nur bewahrt, sondern in die Gegenwart weiterentwickelt. Es zeigt, wie ein Gebäude kulturelle Identität ausdrücken, ökologische Verantwortung übernehmen und soziale Strukturen stärken kann – ohne dadurch den Zauber des Staunens zu gefährden.

Text: Linda Benkö
Fotos: Pennyroyal Tea/Ishita Sitwala

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