menschen reisen

Wenn Engel reisen, lacht der Himmel, heißt es. Tatsächlich reisen aber Menschen. Und werden von Menschen empfangen. Um Menschen geht es also. Um reisende Menschen und solche, die Reisenden herzlich begegnen. Daraus kann etwas ganz Besonderes, Bereicherndes werden, für alle Beteiligten. Gleichgültig, welches Gesicht der Himmel gerade zeigt. Lassen Sie sich auch vom Stylemate bereichern. Wenn Sie frühere Ausgaben kennen, werden Sie rasch entdecken, dass er sich ein wenig verändert hat. Übrigens auch, weil sich Menschen aufeinander eingelassen haben, um miteinander etwas Gutes für Sie zu machen.

Thomas Holzleithner & Hardy Egger HERAUSGEBER

keine grenzen

Sieben Reisende, die für ihre Reisen und von ihren Reisen gelebt haben.

Matt Harding und Karl May haben etwas gemeinsam: Millionen Fans und ein Faible für Reisen, schräge Reisen. Solche, die keine Unterbrechung des normalen Lebens sind, sondern alles im Leben. Der australische Videospielentwickler Harding hatte 2003 genug von seinem mehr oder minder bürgerlichen Leben und beschloss so lange die Welt zu ent- decken, bis sein Erspartes verbraucht war. Aber so weit kam es nicht. Er wurde zum Youtuber und Videostar, indem er an seinen Reisezielen jeweils immer das gleiche kleine Tänzchen aufführte und einen Clip davon veröffentlichte. Das brachte ihm auch Spott ein, aber vor allem viele, viele Clicks. 138.000 haben seinen Youtube Channel abonniert, 50 Millionen und mehr schauen sich Matt an, wenn er zu einfachen Songs herumstrampelt. Weil er das nicht in seinem Wohnzimmer macht, sondern in Indien, Bhutan, Sansibar, der australischen Wüste, Kuwait, Mexiko, Madagaskar, Sambia und dem Jemen. Oder auch nur in Dublin, Paris, London, Madrid, Istanbul, Warschau und Köln. Klassische Medien, von der Hamburger Morgenpost bis zu großen US-Shows,
berichten über ihn, seine Reisen bezahlen Sponsoren. „Ich kann von den Tanzvideos leben …“, sagte er in einem Spiegel-Online-Interview.

Zahlenmäßig hält er aber mit Karl May dennoch nicht mit. Der kann mit 200 Millionen aufwarten, nicht Klicks, sondern weltweit verkauften Büchern. Obwohl der 1912 verstor- bene Reiseschriftsteller aus dem deutschen Erzgebirge seine „Reise- erzählungen“ veröffentlichte, in denen er als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi meist der Haupt- darsteller war, bevor er sich Reisen leisten konnte. Seine Winnetou- Romane erschienen 1893, sein sechs- wöchiger Nordamerika-Besuch fand erst 15 Jahre später statt. Dass seine beschriebenen Reisen Fiktion waren und er niemals zum Befehlshaber der Apachen ernannt worden war, gestand May nur indirekt ein: „ … kein
Mensch darf ahnen, dass das, was ich erzähle, nur Gleichnisse und nur Märchen sind, denn wüsste man das, so würde ich nie erreichen, was
ich zu erreichen gedenke“, schrieb er in seiner Biografie „Mein Leben und Streben“.

Kein Märchen ist die abenteuerliche Reise der Laura Dekker. Im Alter von 14 Jahren startete die Tochter eines niederländischen Bootsbauers und einer Deutschen von Gibraltar aus eine 18-monatige Weltumsegelung, völlig auf sich allein gestellt. Aber nicht wegen der Publicity, wie sie in einem Interview mit der Süd- deutschen Zeitung versicherte: „Ich wollte nie berühmt werden, ich wollte immer nur segeln.“ Ruhm (aber auch böse Stimmen) gab es dennoch.

Die kühne junge Frau hat ebenso kühne Vorgängerinnen. Da war Alma Karlin, die heute weitgehend unbekannte, aber zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg meistgelesene deutschsprachige Reiseschriftstellerin. Die Frau, die elf Sprachen beherrschte, die sie in Graz, Paris und London studiert hatte, veröffentlichte zahl- reiche Reiseberichte in Form von Zeitschriftenartikeln und Büchern. Die Erlebnisse einer mehrjährigen Weltreise schilderte sie in der ab 1928 erschienenen Trilogie „Einsame Weltreise“, „Erlebte Welt“ und „Im Banne der Südsee“. Dass sie und ihr Werk in Vergessenheit gerieten, dürfte wohl daran liegen, dass ihre Bücher in Nazi-Deutschland verboten
wurden. Die gebürtige Slowenin deutscher Zunge kam in Celje als Tochter einer Deutschlehrerin zur Welt. Aber auch in ihrer unmittelbaren Heimat fand sie kaum Resonanz. Erst 2015 schrieb der slowenische Schriftsteller Milan Dekleva einen biografischen Roman über Alma Karlin, der unter dem Titel „Die Weltbürgerin“ 2017 auch in deutscher Sprache erschien.

Da wäre noch Isabelle Eberhardt, Schweizerin russischer Herkunft, die nur 26 Jahre alt wurde, aber sieben Jahre als Reisende, vor allem im Norden Afrikas, verbrachte. „Ich werde mein Leben lang Nomade bleiben, verliebt in den wechselnden Horizont, in die unerforschten, fernen Orte, denn jede Reise, selbst zu den überfülltesten und viel besuchten Ländern, ist eine Ent- deckung“, schrieb sie ein Jahr, bevor sie „die Stunde des großen Schlafs“ im Inneren der Sahara ereilte. Sie ertrank mitten in der Wüste, als sie samt ihrer Lehmhütte nach einem Wolkenbruch von den Fluten mit- gerissen wurde.

To awaken quite alone in a strange town, is one of the pleasantest sensations in the world.

Oder die britische Forschungs- reisende Freya Stark, die unter anderem den Irak, Persien, Trans- jordanien, den Jemen und im Alter von 86 Jahren noch den Himalaya bereiste. Das Nomadische lag der vielsprachigen Tochter eines Briten und einer Italienerin deutsch- polnischer Herkunft im Blut: „To awaken quite alone in a strange town, is one of the pleasantest sensations in the world”, schrieb sie in ihrem Büchlein „Baghdad Sketches“.

Eine ähnlich beeindruckende Reisende ist die Französin Alexandra David-Néel, die Sanskrit und Chi- nesisch studierte und vermutlich als erste Europäerin im Jahr 1923 die verbotene Stadt Lhasa in Tibet betrat – mehr als zwei Jahrzehnte vor dem Österreicher Heinrich Harrer, dem Hollywood ein filmisches Denkmal („Sieben Jahre in Tibet“) mit Brad Pitt in der Hauptrolle setzte. David-Néel schrieb mehr als zwei Dutzend Bücher über ihre Reisen, wurde Buddhistin und sogar Lama. Auf vielen Reisen begleitete sie ein junger buddhistischer Mönch namens Yongden, den sie später adoptierte: „Am Ursprung jeder Er- kenntnis stoßen wir auf die Neugier. Sie ist eine wesentliche Voraussetzung des Fortschritts.“ Diesen Satz hat Alexandra David-Néel nicht nur gesagt, sondern als Reisende leidenschaftlich gelebt.