EINSTEINS ZUNGE ein Essay von Franzobel

Einstein

Einsteins Zunge

Ist eine Wahrheit wahr, auch wenn sie noch nicht als Wahrheit erkannt worden ist? Natürlich, denken die meisten. Die Planeten haben sich schon vor Kopernikus in elliptischen Bahnen um die Sonne gedreht, und nicht, wie man im Mittelalter glaubte, kreisförmig um die Erde. Auch die Schwerkraft gab es schon, bevor den ersten Menschen etwas aus der Hand gefallen ist. Aber bleiben die Wahrheiten immer gleich? Oder durchleben sie eine Entwicklung?

Vor ein paar Jahren benötigte ein Filmteam einen Bären. Er sollte in eine Holzfällerhütte einbrechen, alles verwüsten und dann, wenn der Jäger kam und schoss, davonlaufen. Da sonst keiner aufzutreiben war, nahm man einen Zirkusbären. Der brach brav in die Hütte ein, verwüstete alles. Nur als die Schüsse fielen, rannte er raus, schwang sich auf ein Fahrrad und radelte davon.

Glauben Sie an Evolution?

Ich meine nicht die natürliche Selektion durch Alkohol und zu schnelles Autofahren, auch nicht, dass der Mensch vom Affen abstammt, oder vom Schwein, nicht die Evolution der Tasten (vom schwer einrastenden Knopf zum Touchscreen), Räder, Laufschuhe, sondern, dass der homo sapiens nicht die Krönung aller Schöpfung ist, sich weiterentwickelt und irgendwann ausstirbt – wenn man Mathematikern glauben darf, in den nächsten sechstausend bis sieben Millionen Jahren. Können Sie sich vorstellen, dass in zwanzig Millionen Jahren, quasi ein Wimpernschlag im Lauf der Zeit, nicht mehr wir Menschen die Welt regieren, sondern Insekten, Ratten, Vögel, Würmer, Viren? Passen sich nicht alle Tiere ihrer Umwelt an? Gibt es nicht Schmetterlinge mit Augen auf den Flügeln, sandfarbene Fische oder Chamäleons. Bald wird es Kreaturen geben, die aussehen wie Radarfallen, weggeworfene Kondome oder platt gedrückte Energy-Drink-Dosen.

Noch ist es nicht so weit.

Vor fünfhundert Jahren wurde das Postwesen gegründet und galt das Pedal an Spinnrädern als etwas Unheimliches, Teufelswerk. Heute können wir überall kommunizieren und uns aus dem 3-D-Drucker ein Mittagessen zaubern lassen. Als die Brüder Wright noch mit Fluggeräten experimentierten, hat Albert Einstein bereits bewiesen, dass Zeit und Raum relativ sind, und Masse Energie besitzt. Der Mensch bewohnt ein Staubkorn in einem Sonnensystem, das sich irgendwo am Rand einer unbedeutenden Galaxie befindet. Und doch hat er Modelle für den Bauplan der Welt erdacht, die so sehr von Alltagserfahrung abweichen, dass es einem die Krausbirnen aufstellt. Bis zur Eisenbahn waren nicht einmal die Zeiten in Europas Städten synchron. Heute haben wir GPS, Satelliten und Gesichtserkennung – alles Nebenprodukte von Einsteins Relativitätstheorie. Physiker sind in der Lage, das Gewicht des Universums zu errechnen und die Stunde des Urknalls zu bestimmen, was sich allerdings nur dann ausgeht, wenn man die Existenz von sechs zusätzlichen Dimensionen annimmt. Da ist von Raum-Zeit-Krümmungen die Rede und von verschränkten Quanten. Die meisten Physiker sagen auch, dass eine Wahrheit erst wahr wird, wenn man sie beobachtet. Davor ist sie in einer Art Schwebezustand wie Schrödingers Katze.

So ähnlich ist es mit dem Virus, der jetzt alle fesselt.

Wir kennen seine Wahrheit erst, wenn wir sie beobachten. Alles andere ist nur eine Möglichkeit. Wegen ihm wurden Länder dichtgemacht und erlebt die Welt die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Trotzdem glaube ich, dass eine Menschheit, die in der Lage ist, bis an die Ränder des Universums zu denken, auch mit dieser Pandemie fertig wird, und dem Virus die Zunge zeigt – so wie einst Albert Einstein lästigen Paparazzi. Dank dem Virus erleben wir eine Evolution, die die Welt ein bisschen besser macht. Hoffentlich.

Die Wahrheit werden wir erst sehen, wenn sie zu sehen ist.


Franzobel

Franzobel ist ein österreichischer Schriftsteller. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Prosa und Lyrik. Seine Theaterstücke wurden unter anderem in Mexiko, Argentinien, Chile, Dänemark, Frankreich, Polen, Rumänien, der Ukraine, Italien, Russland und den USA gezeigt. 

Sein großer historischer Abenteuerroman „Das Floß der Medusa“ (Zsolnay Verlag) wurde mit dem Bayerischen Buchpreis 2017 ausgezeichnet und stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2017.

Foto: Dirk Skiba