SUMŌ-STALL & YUZU-BÄDER // COVERSTORY

sumo

Sumō-Stall & Yuzu-Bäder, Text: Nina Prehofer

Ein kleiner Einblick in Japans sportliche Traditionen, alte Rituale und neue Gepflogenheiten.

SUMŌ
//
EINE AUS JAPAN
STAMMENDE
FORM DES
RINGKAMPFS.
EIN KAMPF
DAUERT UM
DIE ZEHN SEKUNDEN.

Die Unterkunft der Sumoringer

Waren Sie schon mal in einem Sumō-Stall? Nein? Ich auch nicht, denn es ist gar nicht so einfach, in einen hineinzukommen, wenn man nicht Japanisch spricht. Die Unterkunft der Sumoringer heißt tatsächlich Stall, „Beya“. Es ist der Name des Vereins, für den die Ringer kämpfen, und ist Trainingszentrum und Unterkunft gleichermaßen. Liebevoll betrachtet, könnte man es Männer-WG nennen, in Wahrheit gleicht es mehr einem Bootcamp. Bereits früh am Morgen wird trainiert – aufwärmen, dehnen, ringen. Es herrscht eine strenge Hierarchie. Die Jungen müssen das Frühstück machen, einkaufen und putzen. Die Übungen sind archaisch, der langen Tradition von 2000 Jahren entsprechend.

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DOHYŌ
//
DER RING,
IN DEM
DIE KÄMPFE
AUSGETRAGEN
WERDEN.

Medidation

Die alten Rituale werden heute noch gelebt und bevor ein SumōKampf beginnt, wird viel Zeit mit religiösem Zeremoniell verbracht. Wie auch bei Kyūdō, der japanischen Kunst des Bogenschießens. Beeindruckend dabei sind die unglaublich langsamen Bewegungsabläufe, die an ein Zen-Ritual erinnern. Pfeil und Bogen sind aus Bambus und äußerst aufwendig gefertigt.

Kyūdō, Judo, Kendo, Sado, Shodo – Sportarten, die ein „do“ im Namen tragen, was „Weg“ bedeutet.

Alle traditionellen japanischen „Meister“-Ausbildungen haben mit Meditation zu tun. Man geht einen Weg, den man finden und gut meistern muss.

HINKAKU
//
DAS MUSS EIN
SUMORINGER ZEIGEN.
ES BEDEUTET WÜRDE.
ER DARF NICHT JUBELN,
WENN ER GEWINNT,
SICH NICHT BESCHWEREN,
WENN ER VERLIERT.

Der „Weg“ wird aber nicht nur im Sport gegangen. Auch der Tee muss ihn gehen. Sadō, die wichtige Teezeremonie, also das ritualisierte Zubereiten von grünem Pulvertee, Matcha, in Anwesenheit von Gästen. Ein Teehaus steht immer umgeben von einem Garten, durch den man gehen muss und der bereits Teil des Rituals ist. In vielen Schritten und strengen Abläufen, wie das Reinigen von Mund und Händen, bevor man das schlichte Teehaus betritt, um alles Schlechte abzuwaschen, oder das Kriechen durch den sehr niedrigen Eingang, um seine Demut zu zeigen, wird das Ritual abgehalten. Der Teemeister bereitet sämtliche Utensilien so vor, dass er sie in harmonischen Abläufen verwenden kann. Gereicht wird letztendlich nicht nur der Tee, sondern auch kleine Speisen.

Seit Kurzem hat sich das Kyūtō-Ryū etabliert, ein modernes Tee-Ritual, das während der Mittagspause in der Büroküche oder in Shops abgehalten wird. Dabei lässt man sich zwar auch auf den Boden nieder, das verwendete Porzellan ist jedoch weit weniger wertvoll. Meist handelt es sich um den normalen Büro-Kaffeebecher. Doch auch in dieser abgespeckten Variante dient es dazu, im hektischen Alltag zur Ruhe zu kommen und gibt den Koffein-Kick für den Arbeitsnachmittag.

CHANKONABE
//
DER PROTEIN- UND
FETTREICHE EINTOPF
DER SUMORINGER.
BEINHALTET NUR
ZWEIBEINIGE TIERE,
DA AUCH DER
SUMORINGER IMMER
AUF ZWEI BEINEN
STEHEN MUSS.
FÖRDERT DIE
GEWICHTSZUNAHME.
ETABLIERTE RINGER
LEEREN BIS ZU
ZEHN GROßE TELLER
PRO MITTAGESSEN.

Traditionen, Ritualen und Gepflogenheiten

Japan ist so reich an Traditionen, Ritualen und Gepflogenheiten, dass man wahrscheinlich für sehr lange Zeit beschäftigt ist, wenn man tief darin eintauchen möchte. Sie bieten auch Platz für viele Fettnäpfchen, in die man treten kann, wenn man in Japan zu Gast ist.

In Japan wird Raum danach getrennt, ob er rein oder unrein ist.

Das Haus gilt als rein, alles außerhalb nicht. Deswegen werden vor dem Betreten von Häusern immer die Schuhe ausgezogen. Der einzige unreine Raum innerhalb eines Hauses ist die Toilette. Für die stehen Toiletten-Pantoffeln bereit. Man sollte nur ja nie den Fehler machen und vergessen, sie auszuziehen. Oder die richtige Verbeugung zur Begrüßung. Es gibt eine Hierarchie, die heißt Ältere über Jüngere, Gäste über Gastgeber, Männer über Frauen. Nicht zu tief vor Angestellten im Hotel verbeugen, die müssten sich beim nächsten Mal noch tiefer vor einem verneigen. Wer sich übrigens wundert, dass es kein Zimmer mit der Nummer vier gibt – die bringt Unglück. Wenn man in Begleitung isst, schenkt man sich selbst nicht nach, sondern seiner Begleitung. Außer man möchte als Säufer gelten. Hat man genug, lässt man sein Glas halb voll.

sumo

CHONMAGE
//
DER TRADITIONELLE
JAPANISCHE
MÄNNERHAARSCHNITT.
FRÜHER VON SAMURAIS
GETRAGEN, HEUTE FAST
AUSSCHLIEßLICH VON
SUMORINGERN.
DABEI WIRD
DAS LANGE HAAR
MIT KAMILLENÖL
EINGEÖLT UND
DANN MIT EINER
WACHSSCHLEIFE
NACH OBEN GEBUNDEN.
AM ENDE ENTSTEHT
EIN KNOTEN.

Auch die in Wien lebende Lampendesignerin Megumi Ito praktiziert Rituale aus ihrer japanischen Heimat.

megumi ito

Ich fange erst mit der Arbeit an, wenn mein Platz, die Küche und die Toilette sauber sind. Ich streue Salz in den Gang und in die Ecken der Räume, um keine schlechte Energie hineinzulassen.

Außerdem reinigt Ito in der Früh die Räume mit Räucherstäbchen und verbringt jeden Abend in der Badewanne. Das wichtigste Bad ist allerdings das vor der Wintersonnenwende, der Touji. Es ist Tradition, in diesen Nächten ein Bad zu nehmen, in dem aufgeschnittene Yuzu schwimmen. Yuzu ist eine zitronenähnliche Frucht, die ein wenig süßer schmeckt und seit Jahrhunderten für seine gesundheitsfördernden Eigenschaften bekannt ist und viele Vitamine enthält.

Wir übernehmen bei diesem Bad die Kraft dieser Zitrusfrüchte und bleiben damit den Winter über gesund. Die Yuzu hat eine reinigende Wirkung, der Duft ist sehr stark und anhaltend. Damit bleibt der Körper frisch und frei von Bakterien,

erklärt die Designerin diese Tradition.

Ebenso wichtig wie Rituale sind Megumi Ito verinnerlichte Werte – wie dankbar sein und Dankbarkeit zeigen, leise sein und zuhören können oder darauf zu achten, welche Wörter man verwendet, denn jedes Wort hat eine eigene Kraft.

YORIKIRI,
OSHIDASHI UND
HATAKIKOMI
//
UNTERSCHIEDLICHE
ARTEN, EINEN KAMPF
ZU GEWINNEN.
ES GIBT INSGESAMT
82 VERSCHIEDENE ARTEN.

Zum Abschluss noch. Wenn man mit dem Ausgang eines Sumō-Kampfes nicht zufrieden war, dann wirft man sein Zabuton-Sitzkissen in den Ring. Macht irgendwie Spaß.

YOKOZUNA
//
DER HÖCHSTE RANG
IM SUMORINGEN.
MUSS BESONDERE
KAMPFSTÄRKE ZEIGEN.
ER TRÄGT EIN
BREITES SEIL,
DIE TSUNA,
ALS ZEICHEN
FÜR SEINEN RANG.


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