BRIEF AN BACCHUS ein Essay von Franzobel

Werter Herr, zunächst muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Aussehen lächerlich ist.

Wie Sie da halbnackt mit den Weinranken im Haar und den halbseidenen Damen im Arm herumlungern, gleichen Sie einem aus dem Laub geklaubten Zuhälter. Aber bitte. Von mir aus grinsen Sie ruhig wie ein Halbdebiler, weil es wird Ihnen sowieso vergehen. Aber der Reihe nach. Ich, der Rechnungsprüfer Pankrazius Nüchtern, habe das Leben in steter Abstinenz und im Rahmen meiner wohlgesetzten Grenzen verbracht – bis ich Ihre Bekanntschaft machen musste, oder vielmehr die mit dem von Ihnen beworbenen Produkt. Und dabei begann alles völlig harmlos.

Die Belegschaft unserer Firma veranstaltete einen Betriebsausflug. Normalerweise enthalte ich mich derartiger Aktivitäten und widme mich stattdessen meinen Bilanzen. Dieses Mal aber konnte ich mich dem Drängen meines Vorgesetzten, der Mensch heißt Fidelio Meier, nur schwer widersetzen. Als dann auch noch das Fräulein Lacrimosa, das bei uns das Sekretariat befehligt, verkündete: „Diesmal kommt der Nüchtern mit“, war ich quasi verpflichtet. Ich muss hier erwähnen, von dem Fräulein geht ein gewisser Reiz aus.

Der Ausflug versprach die Erkundung einer lieblichen Landschaft, der Wachau. So war es auch. Das Wetter konnte sich sehen lassen und wir auch. Als wir so durch die Geografie marschierten, ahnte ich nichts von dem heraufdräuenden Unheil.

Im Gegenteil, ich erfreute mich an den Weinbergen. Sauber gespannte Drähte wie in Bilanzen, ausgeklügelte Bewässerungssysteme. Man erklärte uns, die am Boden wachsenden Kräuter würden dem Getränk eine Richtung geben. Die blühenden Rosenstöcke an den Enden der Rebstockreihen wiederum waren nicht nur schön, sondern seien auch nützlich, weil sie Mehltau anzeigten. Wie gesagt, alles harmlos. Erst als wir in einem Weinkeller landeten, hätte ich den Braten riechen müssen, der da in den Fässern wohnte. Es war nämlich unmöglich, die Kostproben abzulehnen.

Wobei ich betone, dass mich dieses Getränk zunächst keineswegs an Holunder und Apfel mit einer leichten Zitrusnote erinnerte, sondern an Essig. Wenig später hatte ich auch den Salat und war, wie man so sagt, im Öl. Und dafür sind Sie verantwortlich, werter Herr. Ich bin ein von Natur aus zurückhaltender Mensch, aber gegen das, was sich nun abgespielt hat, war das Treiben von Sodom und Gomorra ein Kindergeburtstag. Eine einzige Grenzüberschreitung! Wenn man den Berichten glauben darf, habe ich nackt auf einem Tisch getanzt. Man kennt meine sprichwörtliche Schweigsamkeit. Aber unter dem Einfluss dieses Weines habe ich mich vergessen. So soll ich die ganze Runde unterhalten, dem Fidelio Meier meine Meinung gegeigt und dem Fräulein Lacrimosa ein Eheversprechen abgerungen haben.

Alles Ihre Schuld, Herr Bacchus. Mein Leben ist verpfuscht, haltlos, alle Grenzen sind verschwommen. Ich bin dem Wein verfallen. Aber eines sage ich Ihnen gleich: Ich werde nicht so enden wie Sie, zumindest nicht sofort. Gut, mein Chef hat mich befördert, bei den Kollegen bin ich plötzlich beliebt und Lacrimosa mag mich, aber wenn Sie sich einbilden, dass wir deshalb unser Kind, das unterwegs ist, nach Ihnen benennen, haben Sie sich getäuscht. Das ist die Wahrheit, die Ihnen bekannt sein dürfte, weil sie ja in Ihnen wohnt.

PROST.


franzobel

Franzobel ist ein österreichischer Schriftsteller. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Prosa und Lyrik. Seine Theaterstücke wurden unter anderem in Mexiko, Argentinien, Chile, Dänemark, Frankreich, Polen, Rumänien, der Ukraine, Italien, Russland und den USA gezeigt.

Sein großer historischer Abenteuerroman „Das Floß der Medusa“ (Zsolnay Verlag) wurde mit dem Bayerischen Buchpreis 2017 ausgezeichnet und stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2017.