Das Wendy House nach einem Entwurf von Earthscape Studio ist wie ein Spielhaus inmitten der indischen Wildnis. Nicht nur ist es ein Ort des Staunens und der Kreativität. Es wird zudem höchsten Ansprüchen an die Nachhaltigkeit gerecht.
Das Wendy House im südindischen Kozhinjampara heißt nicht zufällig so: Patin für den Namen stand Wendy Darling aus „Peter Pan“, der Disney-Verfilmung der Kindergeschichten aus der Feder des schottischen Schriftstellers J. M. Barrie. Peter Pan zeichnet sich dadurch aus, dass er als einziges aller Kinder niemals erwachsen wird und in „Neverland“ lebt. Wendy und ihre beiden jüngeren Brüder sind fasziniert und lassen sich auf zahlreiche Abenteuer mit Peter Pan ein.

Kindliche Fantasie trifft ökologisches Bewusstsein
Das Wendy House nach einem Entwurf von Earthscape Studio ist wie ein Spielhaus inmitten der Wildnis, das Schutz und Abenteuer zugleich verspricht. Diese erzählerische Dimension wurde von den Architekten bewusst als gestalterisches Motiv aufgegriffen.
Das Haus soll nicht nur funktionaler Wohnraum, sondern ein Ort des Staunens, der Kreativität und des Spiels sein – für Kinder wie Erwachsene. Und so spricht die Realisierung des Baus mit seiner skurrilen Formensprache, den erdigen Farbtönen und den liebevoll gestalteten Details alle Sinne an.
Wendy House: Vorbild für Nachhaltigkeit in Indien
Daneben lädt das Haus dazu ein, die Umgebung zu erkunden, in ihr aufzugehen und eine neue, achtsame Beziehung zur Natur einzugehen.

Denn das Wendy House ist inmitten eines üppigen Waldes gelegen. Auf dem acht Hektar großen Privatgrundstück im indischen Bundesstaat Kerala steht nun eine Art Bauernhaus, das sich nicht nur harmonisch in seine natürliche Umgebung einfügt, sondern auch höchsten Ansprüchen an die Nachhaltigkeit gerecht wird.
Der Wunsch, die dichte Vegetation des Grundstücks vollständig zu erhalten, war von Beginn an Vorgabe und zentraler Bestandteil des Entwurfs von Earthscape Studio unter der Leitung von Petchimuthu Kennedy.
Das Team entwickelte daher vor Ort einen Raster, mit dessen Hilfe das Gebäude exakt auf die bestehende Baumlandschaft abgestimmt werden konnte. So musste kein einziger Baum dem Bau weichen. Die Architektur reagiert somit unmittelbar auf die Gegebenheiten des Ortes und integriert die Natur nicht nur als Kulisse, sondern als strukturgebenden Bestandteil der Gestaltung.
Innovativ: Timbrel-Gewölbe statt Beton
Kennedys Entwurf verzichtet bewusst auf Stahl- und Betonkonstruktionen, um die ökologische Belastung gering zu halten. Stattdessen greift er auf die Timbrel-Gewölbetechnik zurück. Dies ist ein Konstruktionsprinzip, das auf sich überlagernde, flache Ziegelstrukturen setzt. Ein Timbrel-Gewölbe ist demnach ein geschlossenes System von in Mörtel-Schichten liegenden Keramikziegeln, die eine solide Kuppel bilden.


Die beiden geschwungenen Gewölbe des Hauses (36 und 32 Fuß breit, 13 und 11 Fuß hoch respektive 10,9 und 9,7 Meter breit und 3,9 sowie 3,3 Meter hoch) sind inspiriert von sogenannten Kettengewölben, wie sie einst von Kennedys Mentor Senthil Kumar Doss, Gründer von Play Architecture, entwickelt wurden. Derartige Gewölbe folgen einer Kurve, die eine idealisierte hängende Kette unter ihrem eigenen Gewicht annimmt, wenn sie nur an ihren Enden in einem gleichmäßigen Gravitationsfeld gehalten wird. Die organische Form der Doppelgewölbe schmiegt sich an die Konturen des Geländes und verleiht dem Baukörper eine natürliche Präsenz.
Lokale Materialien und traditionelle Techniken
Die Nachhaltigkeit des Wendy House kommt auch bei der Materialwahl zum Ausdruck. Verwendet wurden fast ausschließlich lokal verfügbare Rohstoffe.

„Neverland“.
Die Gewölbe bestehen aus sogenannten Sithu-kal-Ziegeln. Das sind kleine, dreischichtige Ziegel, die traditionell für die Madras-Terrassendachtechnik eingesetzt wurden. Heute jedoch finden sie kaum noch Verwendung. Durch ihre Nutzung unterstützt das Projekt daher nicht nur regionale Handwerker, sondern trägt auch zum Erhalt alter Bauweisen bei.
Zudem wurden gebrochene Ziegel und wiederverwendete Stahlstäbe in den Bau integriert – Materialien, die andernfalls entsorgt worden wären. Diese fanden nicht nur in der Tragstruktur, sondern auch beim Bau von Einbaumöbeln, Frühstückstheken und Betten sowie bei der Deckenkonstruktion erneut Verwendung. Die Ziegel für die Decke stammen aus einem Umkreis von 15 Kilometern, was den ökologischen Fußabdruck des Transports minimieren half.

Um die beiden Gewölbe zu fassen und zusätzliche thermische Masse zu schaffen, wurde ein Erdwall errichtet. Der Lehm dafür wurde direkt auf dem Grundstück entnommen. Diese Methode spart Ressourcen und vermeidet durch den Transport verursachte Emissionen. Gleichzeitig verleiht sie dem Gebäude eine urtümliche Ästhetik, die eng mit der Landschaft verbunden ist.
Wohnen mit der Natur
– und mit Innenhof
Auch das Holz für Türen und Möbel stammt aus regionalen Abfällen. So entstand ein Gebäude, das nicht nur formal, sondern auch materiell tief mit seiner Umgebung verwurzelt ist.
Der zentrale Innenhof zwischen den Gewölben bildet das kommunikative und klimatische Zentrum des Hauses. Mit einem kleinen Wasserlauf ausgestattet, sorgt er für eine angenehme Mikroklimatik und bringt Tageslicht in alle angrenzenden Räume.


Transparente Raumbeziehungen und offene Übergänge zum Hof schaffen eine ständige Verbindung zwischen Innen- und Außenraum – ein bewusst gesetztes Gegengewicht zu den häufig hermetisch abgeschlossenen Wohnhäusern der Gegenwart.
Architektur als kollektiver Prozess
Die Entstehung des Wendy House war nicht nur ein architektonisches, sondern auch ein soziales Projekt. Die Architekten wohnten während der gesamten achtmonatigen Bauzeit auf dem Grundstück und arbeiteten eng mit lokalen Handwerkern zusammen.

Unterstützt wurden sie von Mentor Vinu Daniel, einem Pionier der nachhaltigen Bauweise in Indien. Er ermutigte das Team zum Experimentieren mit natürlichen Materialien und unkonventionellen Techniken, was dem Projekt seinen innovativen Charakter verlieh. Daniels Credo: „In einem Architekturbüro sollte es nicht darum gehen, einen Haufen Papiere vom Büro auf die Baustelle zu bringen.“
Verantwortungsvoller indischer Hausbau
The Wendy House steht exemplarisch für einen neuen Weg im indischen Hausbau – jenseits der anonymen Betonbauten und klimatisch ineffizienten Glaspaläste. Es vereint traditionelle Handwerkskunst mit zeitgenössischer Formensprache, soziale Verantwortung mit technischem Know-how.


Jeder Aspekt des Entwurfs – von der Wahl des Standorts über die Materialbeschaffung bis hin zur Gestaltung des Innenhofs – folgt einem ökologisch und sozial verantwortlichen Leitgedanken. Das Haus produziert wenig Abfall, verbraucht wenig Energie und respektiert die natürlichen Ressourcen seiner Umgebung. Gleichzeitig bietet es seinen Bewohnern ein sinnlich erfahrbares, inspirierendes Lebensumfeld.
Text: Linda Benkö
Fotos: Syam Sreesylam








