Was ist es mir wert? // COVERSTORY

Martin Grandits: The White Socks, Foto: Johanna Marousek

Was ist es mir wert?, Text: Nina Prehofer, Kunst: Martin Grandits, Fotos: Johanna Marousek

Stellen Sie sich zuletzt auch häufiger diese Frage? Kann es sein, dass wir seit Corona genauer hinhören, was uns wirklich etwas bedeutet, was in unserem Leben bleiben darf und was wegkann?

Niemals könnte ich in der Früh auf die erste Tasse Espresso verzichten. Ich würde vieles eintauschen, wenn mein morgendliches Ritual bedroht werden und mir plötzlich mein persönlicher Start in den Tag genommen würde. Ich liebe alles daran. Der Geruch des Kaffees, der in der Früh viel intensiver erscheint, der erste Schluck am Gaumen, das wohlige Gefühl, wenn die Wärme den Körper durchströmt und das Koffein seine Wirkung zeigt. Danach nehme ich eine Tasse Kräutertee zu mir, die mir bereits in der Früh das gute Gefühl gibt, meinen Körper die Flüssigkeit zu geben, die er braucht. Ein Kaffee und ein Tee, zwei Flüssigkeiten, wovon die eine mehr, die andere weniger kostet, aber keine davon ein Vermögen. Sie sind auch nicht schwer zugänglich und auch nicht besonderes rar. Alles Eigenschaften, die den Wert von Dingen in die Höhe treiben würden. Kaffee und Tee, in kleinen Mengen für jeden einzelnen von uns vermeintlich wenig wertvoll, aber mir bedeuten sie in der Früh nach dem Aufstehen die Welt.

Auch zu bestimmten Gegenständen ist meine Beziehung sehr intensiv. Zu der Tasse, aus der ich meinen Kaffee am liebsten trinke, aus offensichtlichen Gründen zu der Kaffeemaschine, die mir seit 13 Jahren verlässlich jeden Morgen das Elixier, dass mich ins Leben führt, zubereitet. Wenn ich mich so umblicke in meinem Homeoffice überlege ich, was mir sonst noch ins Auge sticht, was mir als Gegenstand besonders lieb geworden ist. Da sind natürlich die Bücher, alte und neue, die mich seit vielen Jahren begleiten. Wovon ich jedes einzelne bei sämtlichen Umzügen mitgeschleppt habe und bei denen ich in vorangegangenen Beziehungen tunlichst darauf aufgepasst habe, dass sie sich ja nicht mit den jeweiligen Büchern des anderen mischen. Dabei respektiere ich nicht nur die Zugehörigkeit meiner Bücher, sondern selbstverständlich auch die des anderen. Ich habe alle Bücher mühevoll mitgeschleppt, auch die, die mich nicht begeisterten, wie „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez. Mich konnte der Träger des Literaturnobelpreises mit seinem Werk leider nicht fesseln. Mitgenommen habe ich es trotzdem gerne, denn es war ein Geschenk mit einer liebevollen Widmung.

Dann ist da natürlich mein Laptop auf dem ich diese und viele andere Zeilen schreibe. Ein Gebrauchsgegenstand, der für mich einen unfassbar großen Wert besitzt. Wenn man ihn mir stehlen würde, wäre ich verzweifelt! Weniger deswegen, weil die Anschaffung eines neuen mit Kosten verbunden wäre, mehr weil ich es zutiefst hasse, mich auf einem neuen Gerät einarbeiten zu müssen. Bei mir haben Laptops über viele Jahre ein schönes Zuhause, denn die Tasten funktionieren besser, wenn sie von mir eingeschrieben sind und ich muss mir von keinem „Computermenschen“ Kritik über mein Ablage- oder Archivierungssystem gefallen lassen. Mit meinem Laptop verdiene ich meinen Lebensunterhalt, er begleitet mich an viele Orte und er ist mein Fenster hinaus in die Welt auf der Suche nach Ideen, Menschen und Geschichten, eine Tatsache, die vor allem seit Corona an Bedeutung gewonnen hat.

Die meisten von uns pflegen sehr intensive Beziehungen zu Dingen.

Das können eben besagte Gebrauchsgegenstände sein, die für uns zu Wertgegenständen werden, Dinge, ohne erkennbaren Nutzen, an denen wir aus welchen Gründen auch immer hängen und natürlich Dinge, die aus materieller Sicht wertvoll sind.

Wir sprechen mit Innovation Consultant und Buchautor Mario Pricken (Interview auf Seite 8) und fragen, wer eigentlich darüber entscheidet, was etwas und wie viel es wert ist? „Nehmen wir an, Sie und ich würden uns darauf einige, dass der USB-Stick das Wertvollste auf der Welt ist, dann würde uns das nichts nutzen. Am Markt bekommen wir dafür kein Agreement von den anderen Menschen. Wert ist also nicht im Objekt enthalten – das ist eine der wichtigsten Komponenten bei der Frage nach dem Wert überhaupt. Der Wert ist eine Projektion aus unserer Psyche auf das Objekt.“

Wie ein Filmprojektor projizieren wir Wert auf Gegenstände vom Lieblings-T-Shirt bis zum Diamantenring. Es sind wir Menschen, die den Wert erzeugen. Das erklärt alles oben Geschriebene, wie den Kaffee, die Bücher, den Laptop. Je mehr Menschen sich jedoch darüber einig sind, dass ein Objekt wert hat, desto größere Wertstabilität wird dadurch erzeugt. Aber es gibt noch eine Komponente, die für die Festsetzung eines allgemeinen Werteverständnisses interessant ist: Das Objekt der Begierde darf nicht jeder haben.

Wenn es alle wollen, aber nur wenige haben, dann haben Objekte eine unglaubliche Stabilität.

Diesen Glauben an das Wertvolle kennt man gut aus dem Kunstbetrieb. Ein Original ist mehr wert als ein Print. Eine gut zusammenstellte Sammlung mehr als eine lose. Hier werden Preise erzielt, die man nur mehr mit unserem Glauben und Begehren erklären kann. Man könnte sich allerdings die Frage stellen, ob der Kunstbetrieb mittlerweile weniger von der Inspiration oder dem inneren Bedürfnis getrieben wird, als von der Nachfrage. Schließlich gründeten und gründen Künstler Werkstätten und haben sogar Angestellte. Damian Hearst, eine Kunstfabrik, getrieben von der enormen Nachfrage. Aber wäre er nicht dumm gewesen, hätte er nicht darauf reagiert? Doch verändert sich dadurch nicht auch der wahre Wert, der dem Objekt innewohnt?

Alufolie von Martin Grandits, Coverstory: Was ist es mir wert?
Martin Grandits Alufolie, Foto: Johanna Marousek

Vom Besitz zum Erlebnis

Die Frage des Wertes ist immer auch eine Frage wonach wir uns sehnen? Ist es die Designer-Handtasche, der coole Sportwagen, ein besonderes Bild von einem bestimmten Künstler oder die teure Uhr, mit der am Handgelenk, wir meinen uns attraktiver zu fühlen?

Objekte sind oft nur Hilfsmittel für etwas anderes, sie sind Vehikel. Sie können zwar Gefühle in uns auslösen, aber oft bekommen wir vom Objekt nur indirekt das, was wir wirklich wollen. Und sind vielleicht enttäuscht, wenn sich dieser Effekt nicht einstellt“

erklärt Mario Pricken.

Was ist es denn, was wir wollen? „Liebe, Anerkennung, Freude, Geborgenheit, Sicherheit zum Beispiel.“ ist Pricken überzeugt. Objekte sind also Stellvertreter für tief in uns verwurzelte Wünsche, die eigentlich sehr wenig mit materiellen Gegenständen zu tun haben. Daraus erklärt sich wahrscheinlich, warum viele reiche Menschen trotzdem keine innere Zufriedenheit finden beziehungsweise sich der Wert, der neu erstandenen Gegenstände sehr schnell abnützt.

„Es ist nicht das Objekt an sich, dass den Menschen einen Nutzen bringt. Sondern oft vielmehr das, was das Objekt bei den anderen auslöst. Wenn ich einen absolut einzigartigen Sportwagen habe und ich bin mit dem auf der Straße unterwegs, geben mir auch die Blicke, die ich dafür ernte, einen Nutzen. Oder, eine Sammlung. Wenn ich eine besitze, dann ist das natürlich schon ein Wertspeicher. Jetzt könnte es natürlich sein, dass ich sie selbst zwar interessant finde, aber irgendwie gelangweilt von ihr bin. Doch es fasziniert mich, wenn es anderen Menschen die Tränen in die Augen treibt, wenn ich sie durchführe. Es ist das, was auf mich ausstrahlt.“

Das führt uns schon näher daran hin, dass Wertvolles sehr weit weg von einem monetären Wert sein kann. Wahrscheinlich haben uns gerade die letzten Monate gelehrt, dass es auch auf andere Dinge ankommt. Hand-in-Hand in der Natur spazieren gehen, sich Plätze zum Alleinsein suchen, die möglichst weit weg von einer anderen Menschenseele sind, das gute Buch auf der Veranda lesen, die Kräuter am Balkon mit Liebe zum Wachsen bringen, dass es möglich ist Brot selbst herzustellen oder wie schön es ist, seine Kinder mehr für sich zu haben.

Wir haben gelernt, was es bedeutet auf uns zu schauen, unser Time-Management zu unseren Gunsten auszulegen, selfcare im Alltag so gut es ging in den Vordergrund zu stellen und uns vom Noch-Mehr-Erledigen-Müssen verabschiedet.

Wir haben Konsum durch Erlebnis ersetzt.

Und zwar durch möglich einfache, denn unsere Möglichkeiten waren eingeschränkt. Wir haben Dinge entdeckt, die uns wichtig sind. Die nicht viel mit unseren sonst so allgegenwärtigen materiellen Wünschen zu tun haben. Wir haben uns Erlebnisse geschaffen, die unsere Seele streicheln. Wir sind in den Wald gegangen, haben Berge erklommen oder uns in Wiesen zum ausgedehnten Picknick niedergelassen und hoffentlich den Wert dieser Erlebnisse erkannt und in vollen Zügen genießen können.

Was ist Luxus?

Wenn wir über Wert sprechen, dann kommt uns zuallererst Banales in den Sinn. Gold, Diamanten, große Häuser und teure Autos, ein aufwändiger Lebensstil. Doch hier muss man natürlich unterscheiden. Da gibt es einerseits den Bling-Bling-Luxus, mit all seinen teilweise obszönen Ausuferungen, andererseits den echten Luxus, wie dieses Beispiel eines Hotels zeigt, von dem uns Mario Pricken erzählt. Es ist die Geschichte eines Hoteliers, der ihm seine Definition von wahrem Luxus in der Hotellerie gegeben hat.

Und zwar erzählte er: „Wenn unser Raumpflegepersonal im Hotel auf den Gängen unterwegs ist, wird natürlich gereinigt und gesaugt. Wenn sie allerdings bemerken, dass sich ihnen ein Gast nähert, hören sie ganz selbstverständlich mit ihrer Arbeit auf. Sie schalten das Gerät ab, gehen zur Seite, wünschen einen Guten Morgen, warten bis sich der Gast wieder weit genug entfernt hat und setzen dann ihre Arbeit fort. Das ist Luxus und hat wert. Man kann ihn sehr einfach erzeugen und er kostet nichts.“

Unser Gefühl, was Luxus ist, befindet sich im Wandel, denn wir leben in einer Zeit, in der die ganze Gesellschaft eine Veränderung durchläuft. In demokratischen Gesellschaften, wird die Definition von Luxus sich wahrscheinlich mehr in diese Richtung entwickeln, wie das oben beschriebene Beispiel des Hoteliers. Wir werden es als wahren Luxus bezeichnen. Selbst wenn wir uns teilweise immer noch mit luxuriösen Gegenständen umgeben, bei uns werden sie voraussichtlich nicht mehr so nach außen getragen werden.

Vom Wert zur Wertschätzung

Wir hatten in den letzten Monaten das Glück wieder ein bisschen besser zu lernen zu dürfen, was uns guttut und haben im Ansatz gespürt, was in uns passiert, wenn wir uns auf unsere eigenen Bedürfnisse fokussieren. Wir haben den Konsum zur Seite gelegt und die einfachen Erlebnisse in unser Blickfeld gerückt. Wahrscheinlich haben wir neue Seiten an uns kennengelernt oder fast vergessene wiederentdeckt, wir haben uns davon überraschen lassen, welchen Gedanken wir gerne folgen und welche neuen Träume uns erscheinen. Wir haben aber auch schmerzhaft festgestellt, was wir vermissen.

Mag sein, dass es bei dem einen oder anderen tatsächlich der Louis Vuitton Store war, den meisten unter uns, wurde aber bewusst, was wir wirklich in unserem Leben brauchen, damit es uns gut geht. Wir haben uns danach gesehnt außergewöhnliche Bilder in einem Museum betrachten zu können, leidenschaftliches Schauspiel im Theater sehen zu können oder die Welt bereisen zu dürfen, um an anderen Orten neue Eindrücke zu finden. Es wurde nicht nur räumlich eng, sondern auch geistig. Wir haben uns danach gesehnt, an neuen Orten fremde Menschen zu neuen Freunden machen zu können. Wir haben uns nach Umarmungen gesehnt, nach Nähe und Geborgenheit. Es war das Gefühl der Verbundenheit, das uns fehlte und uns wohl in den nächsten Monaten wieder verstärkt fehlen wird. Verbundenheit mit unserer Familie und unseren Freunden, aber auch mit der Verkäuferin in der Bäckerei und all den anderen Menschen auf der Welt, die wir kennenlernen könnten und wertschätzen würden.

Das goldene Kalb von Martin Grandis, Foto: Johanna Marousek