artsy summer

Der vielleicht größte Musiker aller Zeiten, Wolfgang Amadeus Mozart*, wurde keine 35 Jahre alt. Dennoch hat er rund zehn Jahre seines Lebens auf Reisen verbracht. Künstlerinnen und Künstler sind oft ganz besondere Reisende. Sie sind besonders neugierig, sie lassen sich (nicht immer, aber sehr oft) leidenschaftlich auf das Fremde ein, sie verlassen gerne ausgetretene touristische Pfade oder finden sogar neue. Von Künstlerinnen und Künstlern können wir also viel über das Reisen erfahren. Das Schöne ist: Wenn sie reisen, schreiben sie darüber, malen und zeichnen oder komponieren ihre Reiseeindrücke und schaffen so einzigartige Reiseführer, die uns inspirieren können. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen kunstreichen und kunsterfüllten Reise- sommer, auch abseits von Museen, Galerien und Festivals. Denn der Kunst können wir fast überall begegnen. Wenn wir es wollen.
Thomas Holzleithner & Hardy Egger HERAUSGEBER

die Kunst zu reisen

Künstlerinnen und Künstler reisen. Immer schon und mehr als andere. Aus unterschiedlichen Motiven. Oft werden Reiseeindrücke Teil ihrer Kunst.

Wolfgang Amadeus Mozart

Wolfgang Amadeus Mozart

Seine erste große Rundreise trat er im zarten Alter von sechs Jahren an. Sie führte von Österreich weg zuerst durch Deutschland – wichtige Punkte waren München, Heidelberg, Frankfurt am Main, Bonn und Aachen. Von dort ging es weiter nach Lüttich und Brüssel in den damaligen öster- reichischen Niederlanden. Über Calais führte die Reise weiter nach London, dann ging es zurück auf den Kontinent, nach Paris und zu anderen französischen Städten. Über die Schweiz führte der Weg dann wieder ins heimatliche Salzburg. Mit einem kleinen Sommerurlaub nach heutigem
Verständnis hat die „Expedition“ von Wolfgang Amadeus Mozart und seiner Familie nur wenig zu tun. Was hier in ein paar Zeilen skizziert ist, dauerte in der Realität mehr als drei Jahre, von 1763 bis 1766. Das hatte erstens damit zu tun, dass als Reisefahrzeug nur die Kutsche (und bisweilen ein Schiff) zur Verfügung stand, die kaum eine Reisegeschwindigkeit von zehn Stundenkilometern erreichte, und es ging auch nicht um Erholung, sondern darum, dass Mozart und seine ältere Schwester Nannerl als Wunderkinder Konzerte an europäischen Fürstenhöfen geben
wollten. Bei dieser Reise sollte mehr Geld hereinkommen als ausgegeben werden musste, auch wenn ein Kammerdiener als permanenter Private Butler sich um das leibliche Wohl der Mozarts kümmerte. Diese Europa- reise war zwar die längste im nicht allzu langen Leben des weltberühmten Komponisten, aber keineswegs die einzige. Insgesamt verbrachte er rund zehn Jahre unterwegs, drei davon saß er in Reisekutschen, haben Mozart-Experten errechnet.

WARUM?

Was Künstler zum Reisen bewegt, ist durchaus umstritten. Der deutsche Kunsthistoriker, Religionswissen- schafter und Ethnologe Christoph Otterbeck, der sich intensiv mit Künstlerreisen befasste, hat zumindest
eine These, warum Künstler es nicht tun: Weder ginge es um die Erfüllung von Sehnsüchten nach einer reinen, naiven Kultur, noch um die Suche nach Inspirationsquellen für entscheidende Stilentwicklungen. Ganz im Gegenteil: Durch Reisen würde die Kunst sogar wieder konventioneller.

DIE LANGE REISE

Eine der (von ihm selbst) bestdokumentierten Reisen ist die „italienische“ des deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe. Sie dauerte ähnlich lang wie die Mozarts. Auch er arbeitete unterwegs und vollendete zwei wichtige Dramen, Egmont und Iphigenie auf Tauris. Seine Reiseerinnerungen, „Die italienische Reise“, veröffentlichte der Dichter aber erst fast drei Jahrzehnte später. Also wird vielleicht nicht alles darin wahr und akkurat sein, aber ein Poet, der seine eigene Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ nennt, darf auch dichten, wenn er dokumentarisch beschreibt. Und das tut der große Literat. Er schwärmt von der Arena in Verona, heute Liebhabern vor allem italienischer Opern ein Begriff, und nennt sie „das erste bedeutende Monument der alten Zeit, das ich sehe und so gut erhalten“. Zuvor macht er noch einen Abstecher zum Gardasee, den er nicht versäumen will. Was er offenbar nicht bereut: Er sei „herrlich für den Umweg belohnt“ worden, schreibt Goethe. Weniger begeistert zeigt er sich vom „schiefen“ Turm, nein, nicht von Pisa, sondern in Bologna: „Der hängende Turm ist ein abscheulicher Anblick“, so sein Urteil über einen der vielen mittelalterlichen Geschlechtertürme in der Hauptstadt der Emilia-Romagna. Freundlicher, wenn auch beiläufig, ist Goethes Einschätzung von Florenz: „Die Stadt hatte ich eiligst durchlaufen … Hier tut sich wieder eine ganz neue, mir unbekannte Welt auf, in der ich nicht verweilen will …“ Weit länger verweilte er dann in der Kapitale Rom und in Neapel. Per Schiff ging es weiter nach Sizilien und danach natürlich den ganzen Weg wieder zurück. „Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt“, so das Gesamturteil Goethes.

EINE TOURISTIN


„Ich gehe schließlich in den Film Sindbad the Sailor. Dieser Film ist so typisch amerikanisch, dass nichts weiter über ihn zu sagen ist. Man kann ihn nur schleunigst vergessen und einschlafen“

„Ich bin eine gewissenhafte Touristin“, behauptet Simone de Beauvoir, die große französische Literatin, Philosophin und Feministin („Das andere Geschlecht“), die ihren Reisebericht rund 200 Jahre nach Goethe schrieb. Man kann ihr schwerlich widersprechen: „Ich bin vier Monate in Amerika gewesen. Das ist wenig“, so ihre Einschätzung in „Amerika Tag und Nacht: Reisetagebuch 1947“. Im Vergleich zu den drei Jahren Goethes für Italien sind vier Monate für die USA natürlich nicht viel (wobei sie Auto, Bahn und Bus zur Verfügung hatte statt einer Postkutsche). Aber im Vergleich zu der Zeit, die Normalreisenden zur Verfügung steht, um einen Kontinent oder auch nur ein Land zu erforschen, sind vier Monate fast eine Ewigkeit.
Simone de Beauvoir war natürlich auch nicht nur als ganz normale – „gewissenhafte“ – Touristin in den USA unterwegs. Sie hielt Vorträge an Universitäten, traf Künstler und besuchte „Sehenswürdigkeiten“, die andere Touristen wohl eher meiden, zum Beispiel eine große psychiatrische Klinik. Mehrmals ging sie ins Kino, offenbar mehr wegen des Erlebnisses, das sie sich erhoffte, als wegen bestimmter Filme: „Ich gehe schließlich in den Film Sindbad the Sailor. Dieser Film ist so typisch amerikanisch, dass nichts weiter über ihn zu sagen ist. Man kann ihn nur schleunigst vergessen und einschlafen“, lautete ihre unfreundliche Kurz-Filmkritik.

Aber unterbrochen von soziologischen und politischen Analysen berichtete de Beauvoir nur zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs auch über durch und durch touristische USA-Erlebnisse: Sie blickte vom Empire State Building über New York, besuchte gewissenhaft Gemäldegalerien und Museen, erlebte die Hauptstadt Washington D. C., zeigte sich von den Niagara-Fällen ein wenig enttäuscht, fuhr durch Buffalo, sah sich Cleveland an und hatte 66 Stunden für Chicago.

Los Angeles machte sie „sprachlos“, wie sie schrieb, sie besichtigte Film- studios in Hollywood und sah „nicht allzu viel“ von San Francisco, dafür aber auch Monterey und Carmel. Reno, Carson City, das Death Valley, der Grand Canyon, Santa Fé und San Antonio vervollständigen die Liste. Eine Mississippi-Fahrt und New Orleans durften auch nicht fehlen. In New York, wo der Trip wieder endete, fühlte sich Simone de Beauvoir beim zweiten Aufenthalt schon fast heimisch. Und kam letztlich zur Erkenntnis, dass Amerika zu riesig sei, „als dass auch nur das Geringste, was man über das Land sagen könnte, der Wahrheit entspräche“.