Österreichs Beitrag zur Biennale Venedig 2026 zwischen Performance, Mode und radikaler Körperlichkeit
Wenn die 61. Internationale Kunstausstellung der Biennale von Venedig ihre Tore öffnet, wird der österreichische Pavillon kaum zu übersehen sein. Nicht wegen spektakulärer Architektur oder technologischer Effekte, sondern wegen einer Künstlerin, die den menschlichen Körper seit Jahren zu ihrem zentralen Medium macht: Florentina Holzinger.

Mit SEAWORLD VENICE verwandelt die österreichische Choreografin und Performance-Künstlerin den Pavillon in eine lebendige Installation aus Wasser, Bewegung, Ritual und Transformation. Das Projekt, kuratiert von Nora-Swantje Almes, erstreckt sich über den Pavillon hinaus in die Lagune und die Stadt Venedig selbst. Gezeigt werden eine permanente Live-Installation sowie ortsspezifische Performances, die Holzingers langjährige Auseinandersetzung mit Wasser als Symbol, Lebensraum und politischer Metapher fortführen.
Der Körper als letztes Territorium
Kaum eine Künstlerin hat die Diskussion über den Körper in den vergangenen Jahren so konsequent vorangetrieben wie Florentina Holzinger. Während die Modeindustrie zunehmend über Identität, Gender, Selbstbestimmung und Körperbilder spricht, geht Holzinger einen Schritt weiter. Sie macht den Körper selbst zum Schauplatz dieser Verhandlungen.


Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Tanz, Theater, Stunt-Performance und bildender Kunst. Nacktheit erscheint dabei nie als Provokation um ihrer selbst willen, sondern als Werkzeug, um gesellschaftliche Konventionen sichtbar zu machen. Der Körper wird zur Projektionsfläche für Fragen nach Freiheit, Kontrolle, Verletzlichkeit und Widerstand.
Fashion ohne Kleidung
Dass dieser Beitrag in einer Fashion-Kategorie erscheint, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch gerade Florentina Holzinger zeigt, wie sehr sich Mode heute über die Grenzen des Kleidungsstücks hinaus entwickelt hat.

Mode war immer mehr als Stoff. Sie war Inszenierung, Haltung und Ausdruck eines Zeitgeistes. Holzinger entfernt das Kleidungsstück beinahe vollständig und legt damit jene Fragen frei, die auch die interessantesten Designer unserer Zeit beschäftigen: Wer gestaltet den Körper? Wer definiert Schönheit? Welche Bilder von Weiblichkeit und Stärke tragen wir mit uns?
In einer Zeit, in der Labels wie Balenciaga, Rick Owens oder Comme des Garçons den Körper zunehmend als performativen Raum begreifen, wirkt Holzingers Werk fast wie eine radikale Weiterführung dieser Entwicklung. Nicht das Kleid steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch selbst.
Wasser als Spiegel unserer Gegenwart
Für SEAWORLD VENICE nutzt Holzinger Wasser als zentrales Element. Die Künstlerin beschreibt es als Symbol für eine Welt im Wandel, in der Natur, Technologie und menschliche Existenz immer stärker miteinander kollidieren. Der österreichische Pavillon wird dabei zu einer hybriden Landschaft zwischen dystopischem Freizeitpark, Forschungsstation und Ritualraum.

Der Titel könnte kaum passender sein. Venedig selbst steht seit Jahrhunderten für die fragile Beziehung zwischen Mensch und Wasser. Die Stadt wird damit nicht nur zum Austragungsort der Arbeit, sondern zu ihrem eigentlichen Mitspieler.
Österreichs mutigste Modegeste
In einer Biennale, die unter dem Motto In Minor Keys nach neuen Formen des Zusammenlebens sucht, erscheint Holzingers Beitrag wie ein radikaler Vorschlag für die Zukunft. Nicht durch Objekte, sondern durch Körper. Nicht durch Repräsentation, sondern durch Erfahrung.
Vielleicht liegt genau darin seine Verbindung zur Mode. Denn die spannendsten Entwicklungen entstehen heute nicht mehr ausschließlich auf Laufstegen. Sie entstehen dort, wo Identität, Körper und Kultur neu verhandelt werden.
Mit SEAWORLD VENICE präsentiert Österreich keinen klassischen Pavillon. Es präsentiert eine Frage: Wie wollen wir als Menschen in Zukunft leben – und welchen Körper bringen wir in diese Zukunft mit?







