Fire demands its Fuel: 21. April – 12. Juni 2021, Mönchengladbach // EXHIBITION

SCHMELZDAHIN, Stadt in Flammen, 1979, Digitized Super-8, color, sound 00:06:00

Fire demands its Fuel
Noah Barker, Erica Baum, Juan Downey, Rochelle Feinstein,
Geschichtswerkstatt Mönchengladbach, Irma Hünerfauth, Jean Katambayi Mukendi, Kitty Kraus, Phung-Tien Phan, SCHMELZDAHIN
Kuratiert von Elisa R. Linn & Lennart Wolff (KM Temporaer)
auf gemeinsame Einladung von Drei und Markus Lüttgen

21. Spril bis 12. Juni 2021
Mit freundlicher Unterstützung durch Stiftung Kunstfonds & Neustart Kultur

In hastigen Skizzen hielt der Textilunternehmer Wilhelm Dietrich Lenssen 1827 in seinem Reisetagebuch den Aufbau mechanischer Webstühle in England fest. Im selben Jahr zahlte sich die riskante Industriespionage aus, als sich die erste Dampfmaschine in Rheydt in Bewegung setzte. Bald schon verlangten die Maschinen im Niederrhein eine Vielzahl an Fabrikarbeiterinnen, großangelegten Kohleabbau, Eisen- und Stahlproduktion. Die frühen „Feuer” der Industrialisierung machten Mönchengladbach mit Hilfe von Dampfkraft zum „deutschen Manchester” der Textilproduktion. Sie transformierten nicht nur die Landschaft und sozialen Gefüge, sondern auch das Verständnis von Geschichtlichkeit und Zukunft:

Das Diktat der natürlichen Zyklen, Tag und Nacht, Jahreszeiten sowie der absolute Raum schienen überwindbar und Wachstum unbegrenzt. Neue Energiesysteme brachten neue Energie-Kulturen hervor. Das Verbrennen längst verschwundener, in Kohle, Öl und Gas verdichteter Flora und Fauna erscheint bis heute ebenso nebulös wie das Konzept von Energie an sich – die Fähigkeit, Wärme abzugeben, Licht auszustrahlen oder Arbeit zu verrichten. Sehr viel greifbarer erscheinen hingegen die Technologien, Geschichten, Politiken und Institutionen eines auf fossilem Kapital beruhenden Systems (Andreas Malm), das weiterhin den Horizont des Denkens und Handelns und somit auch die visuelle Kultur bestimmt. Kunstproduktion ist hierbei unweigerlich mit den Konflikten um Rohstoffabbau von Garzweiler bis Lubumbashi verwoben. In den einstigen Büro- und Werkstatträumen des seit 1875 in Mönchengladbach ansässigen Elektro-Sanitär-Heizungs-Familienbetriebes F.W. Mertens jr. widmet sich die Ausstellung Fire demands its Fuel dieser Beziehung von Kunst, Energie und fossilem Kapitalismus.

Jean Katambayi Mukendi

Der in der Kupfer- und Kobalt-Bergbaustadt Lubumbashi arbeitende und als Elektroingenieur und Mathematiker ausgebildete Künstler Jean Katambayi Mukendi (1974) befass sich mit dem Zusammenhang von Energie, ökologischer Krise und kolonialem Erbe in der Demokratischen Republik Kongo. Seine „Afrolamps“, geometrische Kugelschreiber-Zeichnungen stilisierter Glühbirnen und Schaltkreise und eine aus Papier und Pappe, Elektrodrähten und Batterien gefertigte Skulptur bewegen sich zwischen technischen Konstruktionsskizzen und visionären Prototypen zur selbstbestimmten Aneignung von technologischem Fortschritt.

Jean Katambayi Mukendi
Yllux, 2012

Jean Katambayi Mukendi
Yllux, 2012
Cardboard, electrical wires, batteries
102 × 119 × 93 cm

Jean Katambayi Mukendi
Tungstène, 2021
(Afrolamps)
Ballpoint pen and marker on paper
91 × 64 cm

Jean Katambayi Mukendi
Pipeline, 2021
(Afrolamps)
Ballpoint pen and marker on paper
91 × 64 cm

Juan Downey

Auch die Reproduktion der Wettbewerbszeichnung für die Erweiterung des Kunstmuseums der Ölstadt Houston des chilenischen Künstlers und gelernten Architekten Juan Downey (1940-1993) ist zwischen utopischer Vision und
konkretem Architektur- und Infrastrukturprojekt angesiedelt
. 1975, zwei Jahre nach dem Militärputsch in seinem Heimatland, der auf die Enteignung internationaler Minenkonzerne folgte, entwarf Downey für das Gebäude ein autarkes und regeneratives geothermisches System, das Dampf zum Heizen und Kühlen erzeugen sollte.
Ursprünglich schlug Downey dem damaligen Direktor des Museums vor, Öl von den Wänden der Ausstellungsräume fließen zu lassen. Jene natürlichen und menschgemachten Energiesysteme durchziehen Downeys Schaffen, das frühe
Experimente mit Video-, Computerkunst und Kybernetik umfasst.

Juan Downey
C. A. M. Houston, Texas, 1975

Juan Downey
C. A. M. Houston, Texas, 1975
Colored pencil and graphite on paper in print reproduction
48″ × 33 1/2″

Irma Hünerfauth

Das kinetische Klangobjekt Blaue Pistole (1973) der Nachkriegskünstlerin Irma Hünerfauth (1907-1998) besteht aus einer Komposition aus metallischen Schrottteilen, die wie von einem „Windstoß der Natur” (Hünerfauth) in Eigenschwingung versetzt werden. Das zu hörende, von der Künstlerin geschriebene und gesprochene Gedicht entlarvt den trügerischen Frieden der Wohlstandsgesellschaft ihrer Zeit, die, immer noch von Weltkriegsschrott umgeben, die Aufrüstung bereits wieder fleißig ankurbelte. Hünerfauths „Sprechender Kasten” spielt hier auf die Bedeutung von Waffenproduktion als Motor fossiler Industrialisierung an.

Irma Hünerfauth
Blaue Pistole, 1973

Irma Hünerfauth
Blaue Pistole, 1973
Offset print, hand control, tape (loop), text by Meta Kristall, spoken word by Irma Hünerfauth
Vitrine: 21 × 41 × 28 cm

Phung-Tien Phan

Die cartoonhaft anmutenden „Bomben” der Essener Künstlerin Phung-Tien Phan (1983) treiben das zerstörerische Potenzial entfesselter Energie figurativ auf die Spitze. Beim näheren Betrachten entpuppen sich die Objekte als schwarz bemalte Gemüse und Früchte, die im Laufe der Ausstellungen zu verrotten und keimen beginnen. Dabei führen die Attrappen mit ihren Zündschnüren die symbolische Logik eines phallischen Kapitalismus ad absurdum, der sich von häuslicher Handarbeit und einer als weiblich konnotierten Natur abzugrenzen und diese zugleich zu unterjochen versucht.

Phung-Tien Phan
Untitled, 2018 / 2021

Phung-Tien Phan
Untitled, 2018 / 2021
Fruits and vegetables, spray paint, silicone, cord, acrylic
Dimensions variable

Kitty Kraus

Der skulptural überzeichneten Gefahr der „Bomben” steht die minimalistische Arbeit von Kitty Kraus (1976) gegenüber. In den Kellerräumen der Galerie hängt ein fragiles Objekt von der Betondecke und ist direkt mit dem Stromkreislauf des Hauses verbunden. Zwischen zwei Teleskopantennen findet hier ohne schützende Isolierung die Umwandlung von elektrischer Energie in Licht statt. Der Blick in das extrem gleißende Licht der Glühbirne hinterlässt im Auge der Betrachterinnen für wenige Sekunden ein Phantombild.

Kitty Kraus
Untitled, 2011

Kitty Kraus
Untitled, 2011
Halogen lamp, antennas, cables
Dimensions variable
Edition 3/5

SCHMELZDAHIN

Im ehemaligen Lagerraum ist die Videoarbeit Stadt in Flammen (1984) des Kollektivs SCHMELZDAHIN zu sehen. Von 1979 bis 1989 experimentierte die Gruppe um Jochen Lempert, Jürgen Reble und Jochen Müller mit der Manipulation von fotografischem Film durch biologische und chemische Prozesse. So wurde der Bildstreifen einer Szene eines Katastrophenfilms über ein Erdöl-Raffinerie-Unglück ungeschützt im Garten vergraben. Der bakterielle Zersetzungsprozess im Boden erzeugte nicht nur ein verändertes Bild, das die Narrative des Großbrandes direkt im Filmmaterial materialisierte, sondern stellt selbst eine Analogie zum Entstehungsprozess von Kohle und Öl dar.

SCHMELZDAHIN
Stadt in Flammen, 1979

SCHMELZDAHIN
Stadt in Flammen, 1979
Digitized Super-8, color, sound
00:06:00

Noah Barker

Die Arbeit des US-amerikanischen Künstlers Noah Barker (1991) erweckt den Eindruck, als sei ein Teil einer Schaufensterscheibe mit Kondenswasser beschlagen. Die hastigen Fingerzeichnungen auf der Scheibe drohen jeden Moment wieder zu verschwinden, wenn sich Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsverhältnisse innen und außen wandeln.
Die Zeichnungen halten die molekularen Formeln von Kohlenwasserstoff fest. Zugleich zeichnen sie ein Netzwerk von Akteurinnen nach – vom umstrittenen Verkauf des Leunawerks 1991 bis zurück zu dessen Eröffnung 1917 – die in eine Reihe westdeutscher Polit-Skandale am Niederrhein involviert waren.

Noah Barker
And I only am escaped alone to tell thee, 2021

Noah Barker
And I only am escaped alone to tell thee, 2021
n-butyl methacrylate, methacrylic acid, n-hexane, cyclohexane, 1-pentanol, dimethyl ether, xylene
110 × 80 cm
Edition 1/3 + I AP

Erica Baum

Muster als visualisiertes Wissen und Handlungsanweisungen spielen auch in den pigmentgedruckten Fotografien von Erica Baum (1961) eine Rolle. Ausschnitte von Nähvorlagen, die ursprünglich als massengefertigte Papierschablonen die Handarbeit von Heimschneiderinnen anleiteten, werden hier zu subjektiven Formkompositionen.
Typische Beschriftungen wie das Wort „Grain” verlieren dabei ihren instruierenden Charakter, wenn sich die poetische Bandbreite von Bedeutungen und Konnotationen öffnet: vom Fadenlauf eines Textilstoffes über Filmkörnung oder den Treibsatz von Raketen bis zu Pflanzensamen.

Erica Baum
Grain, 2019

Erica Baum
Grain, 2019
(Patterns)
Archival pigment print
40,6 × 43,7 cm
Edition 2/6 + II AP

Geschichtswerkstatt Mönchengladbach

Eine derartige Ambivalenz von Erzählung wohnt auch der Geschichte vom Fortschritt inne. Wie Dampf- und Maschinenkraft das Ende der Weber- und Schneiderinnen in Heimarbeit einleitete und später gegen eine sich organisierende Arbeiterschaft eingesetzt wurde, untersucht ein Beitrag über die ersten Gewerkschaften des späten Jahrhunderts um den Sozialdemokraten Fritz Mende. Das von der Geschichtswerkstatt Mönchengladbach zusammengestellte Archivmaterial schlägt dabei auch eine Brücke zu den heutigen Konflikten um den Tagebau Garzweiler.

Geschichtswerkstatt Mönchengladbach
Archival material

Geschichtswerkstatt Mönchengladbach
Archival material from the Mönchengladbach city archive

Rochelle Feinstein

Baumwollstoffe sind die Grundlage der beiden großformatigen Airbrush-Malereien Plein Air I & II (2018) der New Yorker Künstlerin Rochelle Feinstein (*1947). Die Motive sind Tarnmustern entlehnt, etwa jenem der berüchtigten Operation „Desert Storm”, deren Ausgangspunkt Konflikte um Öl in der Golfregion waren. Für die Arbeiten entwickelte Feinstein eine neue Präsentationsform: Auf einer Palette liegen die Malereien gestapelt und gefaltet – entsprechend dem Packmaß ihrer Lieferung durch FedEx-Luftfracht. Die materielle Realität von Malerei wird hier als unweigerlich
eingebettet in die fossilen Produktions- und Distributionsstrukturen präsentiert, die letztendlich jedem Kunstwerk eingeschrieben sind.

Rochelle Feinstein
Plein Air 1 & 2, 2018

Rochelle Feinstein
Plein Air 1 & 2, 2018
Acrylic on cotton, grommets
250 × 329 cm


Fire demands its Fuel
An der Stadtmauer 6, 41061 Mönchengladbach
gallery@drei.cologne
drei.cologne

Die Ausstellung Fire demands its Fuel (21. April – 12. Juni 2021) wurde von Elisa R. Linn und Lennart Wolff (KM Temporaer) auf gemeinsame Einladung von Drei und Markus Lüttgen kuratiert. Sie bildet den Auftakt eines einjährigen Ausstellungsprogramms unter wechselnder Ausrichtung durch die beiden Galerien.