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Neo-Ornamentalismus: Wie Vito Boox der Natur eine neue Form gibt

Zwischen künstlicher Intelligenz, Myzel und Handwerk entsteht eine neue Designsprache

Die Geschichte des Designs war lange Zeit von einer zentralen Idee geprägt: Form folgt Funktion. Ornament galt spätestens seit der Moderne als überflüssig, Reduktion wurde zum Qualitätsmerkmal. Doch eine neue Generation von Gestalterinnen und Gestaltern beginnt, diese Gewissheiten zu hinterfragen.

Einer der spannendsten Vertreter dieser Entwicklung ist der belgische Designer und Künstler Vito Boox. Seine Arbeiten wirken wie Fundstücke aus einer zukünftigen Naturgeschichte – als hätten Pilze, Korallen oder Erosionsprozesse begonnen, Möbel, Leuchten und Objekte selbst hervorzubringen.

Was zunächst surreal erscheint, folgt einer erstaunlich logischen Idee.

Boox nennt sie Neo-Ornamentalismus.

Ornament entsteht nicht mehr durch Dekoration

Während Ornament in der Vergangenheit meist nachträglich hinzugefügt wurde, entwickelt Boox eine vollkommen andere Sichtweise. In seiner Arbeit entsteht Ornament nicht auf der Oberfläche – sondern im Inneren der Form selbst.

Mithilfe von CGI, 3D-Modelling und computergestützter Gestaltung simuliert er natürliche Wachstumsprozesse wie Erosion, Zellbildung oder organische Expansion. Anschließend werden diese digitalen Strukturen durch traditionelles Handwerk in physische Objekte übersetzt.

So entstehen Möbel und Leuchten, die wirken, als wären sie nicht gefertigt, sondern gewachsen.

Es ist eine Designhaltung, in der Natur nicht länger als Inspirationsquelle dient, sondern selbst zum Mitgestalter wird.

Das Debüt bei Van Rossum

Internationale Aufmerksamkeit erhielt Boox mit seinem Debüt beim niederländischen Möbelhersteller Van Rossum während des Salone del Mobile in Mailand.

Für die traditionsreiche Marke entwickelte er die DATSU Collection – bestehend aus Esstischen und Hockern, deren weich modellierte Volumen an über Jahrtausende geformte Felsen erinnern.

Massives Holz trifft hier auf digitale Präzision. Die Objekte besitzen kaum sichtbare Kanten, sondern scheinen sich langsam aus dem Material heraus entwickelt zu haben.

Es entsteht eine skulpturale Ruhe, die zwischen Möbelstück und Kunstobjekt oszilliert.

Mit der Erweiterung um Leuchten, Spiegel und Accessoires öffnet Van Rossum zugleich ein neues Kapitel seiner Designgeschichte – eines, das stärker auf Atmosphäre als auf reine Funktion setzt.

Design aus Pilzwachstum

Noch konsequenter verfolgt Boox seine gestalterische Vision in der Zusammenarbeit mit dem niederländischen Unternehmen Aifunghi.

Hier entstehen Leuchten und Spiegel aus einem Material, das ebenso futuristisch wie natürlich wirkt: Mycelium-Based Composite (MBC) – einem vollständig recycelbaren Verbundwerkstoff aus Hanffasern und Pilzmyzel.

Die Leuchten der Serie Morchella erinnern an die charakteristische Oberfläche der gleichnamigen Speisemorchel. Gleichzeitig wirken sie beinahe außerirdisch – irgendwo zwischen biologischem Organismus, Art-Nouveau-Skulptur und digital generierter Architektur.

Auch die Tremella Mirrors greifen organische Wachstumsformen auf. Ihre skulpturalen Rahmen scheinen langsam über die spiegelnde Oberfläche zu fließen und verbinden nachhaltige Materialentwicklung mit einer neuen Form von Luxus.

Hier wird Nachhaltigkeit nicht über Verzicht kommuniziert, sondern über Schönheit.

Die Zukunft könnte organischer aussehen

Was Boox‚ Arbeiten besonders interessant macht, ist weniger ihre Ästhetik als ihre Haltung.

Während große Teile des zeitgenössischen Designs auf Vereinfachung, industrielle Effizienz und maximale Funktionalität setzen, schlägt er den entgegengesetzten Weg ein.

Komplexität wird nicht reduziert.

Sie wird kultiviert.

Digitale Werkzeuge dienen dabei nicht der Perfektion, sondern der Simulation natürlicher Prozesse. Technologie wird nicht als Gegensatz zur Natur verstanden, sondern als Mittel, ihre Logik sichtbar zu machen.

Gerade darin liegt die Aktualität seiner Arbeiten.

Sie zeigen, dass digitale Gestaltung nicht zwangsläufig zu glatten, anonymen Produkten führen muss. Sie kann ebenso zu Objekten führen, die emotional wirken, Geschichten erzählen und uns an biologische Prozesse erinnern, die weit älter sind als jede Software.

Eine neue Generation des Designs

Mit seinem Debüt bei Van Rossum, der Zusammenarbeit mit Aifunghi und seinen freien Arbeiten gehört Vito Boox zu jener Generation junger Designer, die Design nicht länger als rein funktionale Disziplin verstehen.

Sie verbinden digitale Technologien mit traditioneller Handwerkskunst, Nachhaltigkeit mit sinnlicher Materialität und künstliche Intelligenz mit den Prinzipien organischen Wachstums.

Vielleicht ist genau das der Beginn einer neuen Epoche.

Nicht Minimalismus.

Nicht Dekoration.

Sondern Neo-Ornamentalismus – eine Designsprache, in der Natur selbst zur Gestalterin wird.

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