Wie das Palais Chotek ein Wiener Palais des 19. Jahrhunderts in die Gegenwart übersetzt
Hinter den Mauern eines sorgfältig restaurierten Palais im neunten Bezirk entsteht ein neues Stück Stadt. Mit versteckten Gärten, einer Bar als neuer Treffpunkt für das Grätzl und Räumen, die sich mit historischer und zeitgenössischer Eleganz präsentieren, zeigt das Palais Chotek, wie ein Wiener Haus des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert ankommen kann.

Wien liebt seine Palais. Aber Wien weiß auch, wie schwierig sie sein können. Zu groß für die Gegenwart, zu kostbar für den Abriss und oft gefangen zwischen Denkmalschutz, Nostalgie und dem Wunsch nach einem zweiten Leben.
Im neunten Bezirk hat eines dieser Häuser nun genau das bekommen.

Wer durch das Tor des Palais Chotek tritt, lässt den Verkehr der Währinger Straße überraschend schnell hinter sich. Ein paar Schritte genügen und die Stadt verliert ihre Geschäftigkeit. Es raschelt, irgendwo bewegt sich ein Ast im Wind, Türen stehen offen zu kleinen Höfen, Terrassen und begrünten Winkeln.
Das neue Hotel ist das Ergebnis einer Restaurierung, die mit bemerkenswerter Geduld betrieben wurde. Man begegnet dem Gebäude nicht mit dem Ehrgeiz, ihm eine neue Identität aufzuzwingen, stattdessen wurde freigelegt, repariert, ergänzt und weitergebaut.


Alte Türen tragen ihre Geschichte sichtbar weiter, historische Details wurden bewahrt, während neue Elemente selbstverständlich ihren Platz gefunden haben. Hinter dieser Achtsamkeit steckt eine österreichische Eigentümerfamilie, die dem Haus Zeit gegeben hat. Das spürt man in den Proportionen, in den Materialien und in den vielen Entscheidungen, die sich nicht sofort rechnen müssen, aber lange Freude machen.
Das Palais als Stadtoase
Zwischen den Gebäudeteilen öffnen sich Gärten unterschiedlicher Größe. Die Gestaltung spielt mit historischen Motiven, barocke Anklänge tauchen auf, verschwinden wieder, Wege und Pflanzungen zitieren die große Wiener Gartenkultur mit leichter Hand.

Man erkennt Anspielungen auf Schönbrunn, schließlich ist man ja in Wien. Da macht es Sinn, dass das Palais weniger für den schnellen Aufenthalt konzipiert zu sein scheint als für jene angenehme Form des Verweilens, die Wien seit jeher kultiviert.
Das zeigt sich besonders auf der Beletage. Hier wird gefrühstückt und gebruncht, gelesen und beobachtet. Unterschiedliche Tapeten setzen eigene Stimmungen, Farben verändern die Atmosphäre von Salon zu Salon. Dazwischen stehen Thonet-Stühle, gemütliche Sitznischen, darüber historische Stuckaturen.

Holzarbeiten, Stoffe und Oberflächen, Luster und Möbel verstehen sich gut, ob historisch oder zeitgenössisch. Das Alte wird nicht ausgestellt, das Neue nicht demonstriert. Beides existiert nebeneinander, ohne viel Aufhebens darum zu machen.
Räume der Ruhe
Auch in den Zimmern setzt sich diese Idee fort. Statt historisches Dekor zu inszenieren, arbeitet das Palais Chotek mit einer ruhigeren Form von Eleganz.

Fischgrätparkett, warme Sandtöne, Messingdetails, Marmor und die charakteristischen Grüntöne des Hauses schaffen Räume, die Gelassenheit ausstrahlen. Viele Zimmer blicken in die begrünten Innenhöfe, einige verfügen über eigene Garten- oder Dachterrassen.
Besonders angenehm ist dabei die Atmosphäre: viel Licht, großzügige Proportionen und eine wohltuende Ruhe, die man mitten in der Stadt nicht unbedingt erwartet. Die Zimmer verstehen sich nicht als Schaubühnen für Design, obwohl sie das durchaus leisten können, sondern als Rückzugsorte.

Treffpunkt der Nachbarschaft
Im Erdgeschoss, in der Bar „Sophie“, werden ausgezeichnete Cocktails serviert. Statt eines Restaurants gibt es hier eine kleine, aber feine Speisenauswahl.

Der Name klingt nach Wiener Grande Dame, die Stimmung ist entspannt und lädt dazu ein, den Blick schweifen zu lassen. Die Bar ist wie eine Guckkastenbühne angelegt, allerdings kann man dem „Spektakel“ von zwei Seiten folgen.
Hotelgäste treffen auf Menschen aus der Nachbarschaft, jemand kommt auf einen schnellen Aperitif vorbei und bleibt bis zum Dessert.
Darin könnte auch der Reiz des Palais Chotek liegen. Es möchte auch Teil seines Viertels sein. Für Nachbarn, Freunde, Geschäftsleute, Flaneure und jene Wiener, die immer auf der Suche nach einem neuen Lieblingsplatz sind.

Als hätte dieses Haus nur darauf gewartet, wieder das zu werden, was gute Wiener Häuser immer waren: Orte der Begegnung.








