Das Bridge House im indischen Bundesstaat Maharashtra überbrückt einen 30 Meter breiten Graben. Konstruiert wie eine Hängebrücke und mit einer Außenhülle aus beweglichen Lehmschuppen ist eine bewohnbare Skulptur entstanden, die lebt.
Architektur findet immer dort die kreativsten Lösungen, wo die topografischen Bedingungen eine konventionelle Lösung unmöglich machen. Es ist die Kunst des Entwurfs, aus dieser Unmöglichkeit die sinnvollste und schönste Konsequenz zu ziehen. Im Fall eines Wohnbauprojekts in der Metropolregion Mumbai bestand die Herausforderung darin, einen sieben Meter tiefen Abgrund zu überbrücken. Das Grundstück der Bauherrschaft wurde nämlich vom Überlauf-Graben des Walwhan-Staudamms durchschnitten und in zwei Teile geteilt. Diese galt es durch das Bauprojekt zu verbinden, ohne dabei ein Fundament im darunterliegenden Kanal zu errichten. Der Überlauf musste für regelmäßige Räumarbeiten durch einen Bagger frei bleiben. Eine Aufgabe, die dem avantgardistischen indischen Architekturbüro Wallmakers gerade knifflig genug war. Wo andere Architekten kurzerhand einen Betonblock in den Einschnitt gespreizt hätten, suchte Bürogründer Vinu Daniel nach einer ökologisch verträglichen Variante.

Er fand sie schließlich in einer minimalinvasiven Hängebrückenkonstruktion und einer Außenhaut aus beweglichen Schuppen, die aus lokalen Naturmaterialien gefertigt sind. Auf diese Weise ist ein Bauwerk entstanden, das lebt. Gestatten: das Bridge House.
Ökologisch und ökonomisch im Vorteil
Wie ein tierischer Kokon hängt der 30 Meter lange Brückenbau über dem Abgrund und verbindet die Grundstückshälften auf natürliche Weise. Er kommt mit nur vier Verankerungspunkten aus und besteht aus vier hyperbolischen Paraboloidschalen, deren Hohlräume die Wohnbereiche bilden. Um der Konstruktion die nötige Zugfestigkeit zu verleihen, setzte man so wenig Stahlrohre und -seile wie möglich ein.

Der Ansatz, Wohnhaus und Brücke miteinander zu verbinden hat nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Vorteile gebracht. Auf der einen Seite konnte man so den Fußabdruck des Gebäudes auf ein absolutes Minimum reduzieren. Auf der anderen Seite sparte es der Bauherrschaft Kosten und ließ zugleich mehr Fläche für die landwirtschaftliche Nutzung frei.
Materialien aus der näheren Umgebung
Das Wohnhaus bildet eine komplexe, organische Form, wie sie auch in der Natur vorkommen könnte. Als hätte sich hier ein gigantisches Insekt einen Kobel gebaut. Dazu passt auch die schuppige Außenhaut des Wohnbaus, die einem Gürteltier abgeschaut ist. Vermutlich wäre es schwierig gewesen, für diesen extravagant geformten Baukörper ein industriell hergestelltes Fassadensystem zu finden, das passt. Der Grund für die außergewöhnliche Hülle war allerdings ein anderer.

Das Studio Wallmakers hielt sich bei der Materialbeschaffung an Mahatma Gandhis Prinzip des idealen Hauses. Demnach sollen die Baumaterialien aus einem Umkreis von maximal acht Kilometern stammen. Was die Planer in der Umgebung der Stadt Karjat, wo das Grundstück liegt, in Hülle und Fülle vorfanden, waren vor allem zwei Dinge: Gras und Schlamm.
Strohdach 2.0
Daraus formten sie ein Materialgemisch, das der Konstruktion eine wetterfeste Hülle verlieh und zugleich für die nötige Stabilität sorgte. Zwar haben Strohdächer eine lange Tradition in der Region, aber in jüngerer Zeit ist die Technik mehr und mehr in Vergessenheit geraten.
Die Lehmputzschicht verhindert, dass sich Nagetiere oder Schädlinge in das Gebäude einnisten – der Hauptgrund dafür, dass Strohdächer aus der Mode gekommen sind.
Wallmakers, Architekturbüro
Mit dem Bridge hat man sie nicht nur wiederbelebt, sondern auch weiterentwickelt. Durch die Kombination mit der Schlammschicht ist die Strohdeckung nämlich deutlich widerstandsfähiger geworden.

„Die Lehmputzschicht verhindert, dass sich Nagetiere oder Schädlinge in das Gebäude einnisten – der Hauptgrund dafür, dass Strohdächer aus der Mode gekommen sind. Außerdem sorgt sie für zusätzliche Druckfestigkeit, um die Konstruktion in Ermangelung einer vertikalen Tragsäule weiter zu stabilisieren“, wie das Büro Wallmakers erklärt.
Vom Schuppentier abgeschaut
Eine doppelt gekrümmte Fläche zu decken ist oft problematisch, da das Wasser von zwei Seiten eindringen kann. Eine Lösung dieser Aufgabe fand man in der Natur, genauer gesagt beim Panzer von Schuppentieren. Dieser besteht aus mehreren hundert bis tausend dachziegelartig überlappenden Hornschuppen.

Praktische Tests mit entsprechenden Stroh-Lehm-Schuppen zeigten den gewünschten Erfolg: Während die Schuppen Bewegung zuließen, verhinderten sie zugleich das Eindringen von Wasser.
Damit haben Wallmakers ein skulpturales Bauwerk geschaffen, das sich, wie die Bionik, ein Prinzip aus der Natur zunutze macht. Mit diesem Wohnhaus knüpfen sie an Werke der organischen Architektur an, wie etwa die Casa Orgánica von Javier Senosiain. Der mexikanische Architekt kämpft seit den 1980er-Jahren mit seinen höhlenartigen Bauten gegen die Geradlinigkeit und Technokratie in der Architektur an.
Wenn es im Wohnzimmer regnet
So radikal organisch, wie sich das Bridge House von außen präsentiert, so radikal naturverbunden ist es auch im Inneren.

In der Mitte des Brückenhauses, wo der Wohnbereich liegt, öffnet sich ein großes Okulus zum Himmel. Dieser runde Deckeneinschnitt bildet das atmosphärische Kernstück des Hauses. Lediglich von einem Seilnetz überspannt, macht es die Naturelemente direkt erlebbar.
Und das gilt sowohl für einen angenehm lauen Abend als auch für die Monsunzeit. Wenn es regnet, dann regnet es auch im Wohnzimmer. Dabei kann das Wasser über speziell in den Boden eingelassene Öffnungen ablaufen und direkt in die Rinnen darunter fließen. Das wahre Gegenstück also zum Modell des Boden-versiegelnden Einfamilienhauses.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Studio IKSHA








