INSPIRATION FROM AROUND THE WORLD FOR AN AESTHETIC AND MEANINGFUL LIFESTYLE

Architektur als Rückgabe

Ist regenerative Architektur die logische Fortsetzung von nachhaltiger Architektur? Beim Horizon House auf der Kykladeninsel Syros gelingt ONUS Architecture Studio dieses Kunststück.

Die Kykladen, ein Archipel im Ägäischen Meer, zu der auch die Inselschönheit Santorin gehört, sind für zwei Dinge bekannt: Für ihre kontrastreichen Landschaften aus felsigen Bergen, fruchtbaren Tälern und zerklüfteten Küsten. Und zweitens für die idyllischen Fotomotive, die die Architektur dort bietet. Die kubischen, weiß getünchten Häuser mit blauen Fensterläden und runden Kuppeln, kunstvoll in die Hänge der Steilküsten drapiert, bilden einen eindrucksvollen Kontrast zum tiefen Blau des Meeres. Damit verzücken sie einfach jeden.

Ganz im Gegensatz zu diesen traditionellen Bauweisen steht das Horizon House. Entworfen von ONUS Architecture Studio bezeugt das Haus eine neue Form von Nachhaltigkeit, die über Ressourceneffizienz hinausgeht. Dabei fügt es sich so selbstverständlich in das raue Terrain ein, als wäre es schon immer dort gewesen.

Teil eines lebendigen Ökosystems

Die von der Athener Architektin Margarita Kyanidou geleitete Entwurfsphilosophie wurzelt in der Überzeugung, dass Architektur nicht nur weniger schaden, sondern aktiv heilen kann. Das Horizon House auf Syros verkörpert diesen Anspruch auf jedem Zentimeter. Es ist nicht nur energieautark, sondern auch „ökologisch rückgebend“.

Horizon House, nach einem Entwurf von ONUS Architecture
Horizon House: Regenerative Architektur als neues Paradigma, als logische Fortsetzung nachhaltiger Bauweisen.
Horizon House
ONUS Architecture Studio versteht unter regenerativer Architektur, dass ein Objekt nach Möglichkeit der Natur sogar etwas geben soll.

Die Steine, die beim Aushub gewonnen wurden, bilden die massiven Wände, Horizon House folgt damit den natürlichen Konturen des Geländes. Recyceltes Holz und rohe Texturen binden das Gebäude in den Materialkreislauf des Ortes ein. Diese bewusste Reduktion auf lokale Ressourcen wird nicht nur zu einer ökologischen, sondern auch zu einer ästhetischen Entscheidung: Das Haus wirkt wie die Fortsetzung der Landschaft, wie eine geologische Formation, die den Horizont rahmt, statt ihn zu unterbrechen.

Zwischen Schutz und Offenheit

Die architektonische Umsetzung spielt mit zwei Polaritäten: Verwurzelung und Weite beziehungsweise Rückzug und Ausblick. Denn die Nordfassade schmiegt sich schützend an den Boden, während die Südseite sich großzügig zur Ägäis öffnet. Die Form des Hauses insgesamt zieht sich parallel zur Küstenlinie.

Horizon House
Reduzierte Eleganz und gleichzeitig eine bewusste Rückkehr zur elementaren Beziehung zwischen Mensch und Natur.

Ein L-förmiger Pool markiert die Schwelle zwischen gebauter Struktur und Landschaft. Er fungiert als thermisches und visuelles Bindeglied, das das reflektierte Licht des Himmels in die Architektur hineinträgt. Im Inneren setzt sich die Sprache der Einfachheit fort. Die reduzierten Geometrien und natürlichen Materialien schaffen Räume von fast monastischer Ruhe. Die Innenräume sind um Querlüftung, Tageslicht und Ausblicke herum organisiert. So holen beispielsweise drei quadratische Oberlichter den Himmel ins Haus.

Habitat für die Natur selbst

ONUS Architecture Studio spricht beim Horizon House bewusst nicht von Nachhaltigkeit, sondern von Regeneration. Denn das Ziel ist nicht nur, weniger zu zerstören, sondern mehr zurückzugeben. Die Vegetation spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Landschaftsgestaltung folgt einer ökologischen Wiederherstellungsstrategie, die in Zusammenarbeit mit Ökosystemforschern entwickelt wurde.

Horizon House
Der L-förmige Pool des Horizon House markiert die Schwelle zwischen gebauter Struktur und Landschaft.
Horizon House
Der Pool fungiert als thermisches und visuelles Bindeglied, das das reflektierte Licht des Himmels in die Architektur hineinträgt.

Es wurden fast ausschließlich einheimische Arten der kykladischen Flora verwendet, sie sind widerstandsfähig gegen Trockenheit und salzhaltige Winde. Diese Bepflanzung stabilisiert den Boden, verhindert Erosion und fördert die Rückkehr von Bestäubern, Insekten und Vögeln. Das Haus wird so zum Habitat, nicht nur für Menschen, sondern für die Natur selbst.

„Blue Roof“-System und Mikro-Windräder

Die begrünten Dächer fungieren als lebende Systeme: Sie speichern Regenwasser, senken die Umgebungstemperatur und schaffen Mikrohabitate für Flora und Fauna. Jährlich können bis zu 200 Kubikmeter Regenwasser gesammelt und über ein integriertes Filtersystem – das sogenannte Blue Roof – aufbereitet werden. Das behandelte Wasser versorgt die Vegetation, während das aufbereitete Grauwasser den Kreislauf schließt. Diese konsequent zirkuläre Ressourcennutzung – Wasser, Energie, Materialien – macht das Horizon House zu einem geschlossenen ökologischen System.

Horizon House
Die begrünten Dächer haben mehrere Funktionen, vor allem aber sind sie ein Habitat für Flora und Fauna.

Die fünf Mikro-Windräder rechnen sich, blasen doch oben auf der Klippe die Winde der Ägäis mit schöner Konstanz. So kann das Gebäude vollständig mit erneuerbarer Energie versorgt werden. Ergänzt wird dieses System durch geothermische Leitungen, die die thermische Trägheit des Bodens nutzen, um die Innentemperaturen auszugleichen. Mechanische Heiz- oder Kühlsysteme sind damit überflüssig.

Horizon House
Autonomie, unter anderem auch dank der Mikro-Windräder.

Diese Strategie speist sich aus der Ressourcenknappheit der Insel. Sie ist starker Antrieb für Effizienz und Innovation. Das Haus steht autonom, unabhängig von externen Netzen. Dabei ging und geht es ONUS nicht um technologische Machbarkeit allein, Architektur soll auch Verantwortung übernehmen.

Die Poesie der Resonanz

Trotz seiner technischen Raffinesse und der linearen äußeren Formen ist das Horizon House dennoch im Inneren poetisch. Auf einer Bruttogeschoßfläche von 230 Quadratmetern lässt die Architektur des Lichts und der Stille Luft, Schatten, Gestein und Holz zu einem atmosphärischen Kontinuum verschmelzen.

Horizon House
Der Wohnraum – mit weitem Blick auf das Meer – scheint zwischen Erde und Himmel zu schweben.
Horizon House
Das Horizon House fügt sich selbstverständlich in das raue Terrain ein, als wäre es schon immer dort gewesen.

Der Wohnraum öffnet sich mit weitem Blick auf das Meer – er scheint zwischen Erde und Himmel zu schweben. Durch die Querströmung von Luft entsteht eine natürliche Kühlung, die sich anfühlt, als würde das Haus selbst atmen. Der Wind, der über den Hang streicht, wird nicht abgewehrt, sondern geleitet – als Teil eines lebendigen Systems, wo Resonanz und Mitschwingen Kontrolle ersetzt.

Die ONUS-Ethik des Bauens

Während bei vielen Projekten und Einfamilienhäusern Nachhaltigkeit zwar als sinnvolles Element erachtet wird, bleibt sie dennoch häufig nur Zusatz oder technisches Etikett. Bei ONUS dagegen steht jedes Material, jede Linie, jeder Eingriff im Verhältnis zum Ort – zumal die Bauindustrie immer noch zu den größten Verursachern von CO₂-Emissionen zählt. Hier entsteht ein Modell für regenerative Inselarchitektur, das die kulturelle Identität der Kykladen respektiert und gleichzeitig den ökologischen Herausforderungen der Zukunft begegnet. Für das noch nicht realisierte Projekt hat ONUS den „Architizer A+ Award 2025, Kategorie Nachhaltige Wohnarchitektur“ erhalten.

Text: Linda Benkö
Renderings/Fotos: ONUS Architecture Studio

Back