INSPIRATION FROM AROUND THE WORLD FOR AN AESTHETIC AND MEANINGFUL LIFESTYLE

AURÉLIE FRETTI – DIE SPRACHE DER FORM

Zwischen Instinkt, Materialität und der Kraft des „Presque“


Manche Wege beginnen nicht mit einer Entscheidung, sondern mit einem inneren Bruch. Für Aurélie Fretti war es genau dieser Moment, der alles veränderte – und sie zu einer künstlerischen Praxis führte, die heute zwischen Skulptur, Design und intuitiver Formensprache oszilliert.


Ein Neuanfang jenseits der Stadt

Aufgewachsen in einem Dorf im Osten Frankreichs, geprägt von einer lebendigen italienischen Arbeiterkultur, trägt Aurélie Fretti ihre Herkunft bis heute in sich. Italienische Wurzeln väterlicherseits, polnische mütterlicherseits – eine Mischung, die sich später auch in ihrer Arbeit widerspiegelt.

Viele Jahre arbeitete sie in der Werbung in Paris. Doch der eigentliche Wendepunkt kam leise. Mutterschaft, Rückzug und die Entscheidung, das urbane Leben hinter sich zu lassen, führten sie zunächst an den Rand des Waldes von Rambouillet und später in den Luberon.

Dort veränderten Isolation, Natur und Entschleunigung ihre Perspektive grundlegend.

„Ich hatte keine Wahl, als mein Leben dem zu widmen. Dramatisch? Vielleicht – einfach italienisch.“


Vom Experiment zur Ausdrucksform

Ohne klassische Ausbildung fand Aurélie intuitiv zur Keramik. Was zunächst als Hobby begann, entwickelte sich rasch zu einer existenziellen Praxis. Die Zusammenarbeit mit Schneider:innen sowie die Arbeit mit Holz und Stein erweiterten ihr Verständnis von Material und Form.

Ihre erste Skulptur – ein Fuß – war „etwas unbeholfen, aber voller Aufrichtigkeit“. Ein Ursprung, der bis heute nachwirkt.

„Diese Stunden waren wie Meditation. Ich habe erkannt, dass ich nicht nur gerne forme, sondern dass ich dadurch ich selbst sein kann.“


Material, Körper und Transformation

Aurélie Frettis Arbeiten bewegen sich zwischen Gegensätzen: roh und sinnlich, kraftvoll und fragil. Sie arbeitet mit gegossenem Harz, versetzt mit Marmor-, Bronze- oder Aluminiumpulver, ebenso wie mit massivem Holz, das sie mit der Kettensäge bearbeitet.

Aus dieser freien Herangehensweise entstand eines ihrer prägendsten Werke: die Babka – benannt nach dem traditionellen polnischen Hefekuchen ihrer Kindheit. Eine organische, großzügige Form, die längst zu ihrer Signatur geworden ist.

Im Zentrum ihres Schaffens steht das Konzept des „presque“ – des „Fast“.
Unvollkommenheit wird hier nicht als Fehler verstanden, sondern als Raum für Entwicklung.


Inspiration: Antike, Italien und der menschliche Körper

Ein weiterer zentraler Einfluss ist Italien. Die Rückbesinnung auf den Körper, wie sie in der Antike verankert ist, übersetzt Aurélie in eine zeitgenössische Formsprache.

Römische Reliefs werden zu Lichtobjekten, sizilianische Vasen verwandeln sich in invertierte Skulpturen – wie bei der Upside Down Lamp, bei der das Gefäß selbst zur Lichtquelle wird.

Der Körper bleibt dabei stets Ausgangspunkt:

„Alles beginnt mit dem Körper – und damit auch mit der Natur.“


Der Moment der Sichtbarkeit

Ein entscheidender Schritt in ihrer Entwicklung war die Begegnung mit Chiara Colombini im Jahr 2024. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Aurélie noch in einem kleinen Atelier, begleitet von Zweifeln.

Die Anerkennung durch Colombini wurde zum Wendepunkt. Eine erste Ausstellung in Paris folgte – und damit der Eintritt in eine neue künstlerische Dimension.


Gegenwart und Ausblick

Heute lebt und arbeitet Aurélie Fretti im Luberon – ein Ort, der ihr Verständnis von Zeit und Prozess nachhaltig verändert hat.

„Hier hat sich Zeit ausgedehnt.“

Ihre Arbeiten bleiben zutiefst persönlich: Fragmente eines inneren Prozesses, getragen von Intuition, Spannung und einem bewussten Spiel mit Unsicherheit.

Nach der ikonischen Babka-Serie folgt nun ihre neue Kollektion: Drappegio.

Jedes Stück ist ein Unikat. Von Hand gefertigt. Ausdruck eines fortlaufenden Dialogs zwischen Körper, Material und Emotion.

Back