Zu den Laufsteg-Naturen Südtirols
Eine stille Selbsterfahrung zwischen Bergen, Schafen und jahrhundertealter Tradition
Falls die Uhren mal wieder auf fünf vor Stress stehen, gibt es in Südtirol ein Schauspiel, das auf besondere Weise entschleunigt und erdet: die legendäre Transhumanz. Jahr für Jahr zieht der traditionelle Schafabtrieb vom österreichischen Ötztal zurück ins Schnalstal zahlreiche Wanderer, Hirten und Naturliebhaber in seinen Bann – ein uralter Brauch, der heute zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe zählt.


Vom Wiener Laufsteg in die alpine Stille
Es beginnt wie ein klassischer Abend der Modewelt: Ein renommiertes Wiener Fashion-Label lädt zur Show. Menschen begrüßen sich mit Küsschen, Prosecco wird gereicht, Kunst präsentiert, Jazz gespielt. Dann gleiten Models in traumhaften Kleidern über den Laufsteg – Attitüde unter feinsten Stoffen, perfekt inszeniert.
Nur wenige Tage später wartet in Südtirol ein völlig anderer Laufsteg: ein steiler Bergpfad oberhalb von Vernagt im Schnalstal. Statt Blitzlicht und Catwalk bestimmen Lärchenwälder, Gebirgsbäche und alpine Ruhe das Bild. Die „Models“ dieses Schaulaufens kommen aus der Natur selbst – über tausend Schafe, die von den Hochweiden des Ötztals zurück nach Südtirol getrieben werden.
Loslassen auf anderem Weg
Der Aufstieg führt durch stille Wälder hinauf Richtung Hochgebirge. Gedanken kreisen, Fragmente innerer Dialoge tauchen auf und verschwinden wieder zwischen Vogelrufen und dem Rauschen der Bäche. Mit jedem Höhenmeter wird die Luft dünner, der Wind kühler und der eigene Atem präsenter.

Die alpine Landschaft der südlichen Ötztaler Alpen wirkt beinahe surreal: Gräser, Flechten und Moose ziehen sich in spätsommerlichen Grün- und Gelbtönen bis an die schroffen Bergmassive. Tiefhängende Wolken verhüllen die Gipfel und tauchen die Szenerie in eine fast meditative Ruhe.
Selbst eingefleischten Kopfmenschen fällt es hier leichter, den Gedankenstrom loszulassen und sich ganz auf Bewegung, Atmung und Wahrnehmung einzulassen.
Wenn Stille zum Ereignis wird
Auf rund 2300 Metern öffnet sich schließlich ein Plateau zwischen gewaltigen Felsformationen. Hier wird Stille zu einem Erlebnis. Kein konsumgetriebener Reiz, kein künstlicher Nervenkitzel – nur Berge, Licht, Wind und die eigene Wahrnehmung.


Während warmer Tee und einfache belegte Brote in dieser rauen Umgebung beinahe zu einer sensorischen Neuerfahrung werden, beginnt sich der Geist zu beruhigen. Die Rastlosigkeit des Alltags zieht sich zurück. Für einen Moment zählt nur das Hier und Jetzt.
Dann erscheinen sie in der Ferne: die Schafe. Zunächst nur schemenhaft sichtbar, bewegen sich hunderte Tiere langsam den steilen Hang hinab. Mit ihnen kommen das Läuten der Glocken und das charakteristische Blöken näher.
Die legendäre Transhumanz
Mehr als ein Dutzend Hirten treiben rund 1300 Schafe von den Sommerweiden des österreichischen Ötztals zurück nach Südtirol. Der Weg führt über Felsrinnen, Schneefelder und Grate – und gilt als weltweit einziger Schafabtrieb über einen Gletscher, der zwei Nationen miteinander verbindet.


Die Tradition reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Ein historisches Weiderecht erlaubt den Bauern des Schnalstals bis heute, ihre Tiere im Sommer auf österreichischen Weiden grasen zu lassen. Über Generationen hinweg entstanden daraus kulturelle Beziehungen, gemeinschaftliche Rituale und gelebte alpine Identität.
Auch Nachhaltigkeit spielt eine zentrale Rolle: Oberhirte Manuel Götsch engagiert sich für Biodiversität sowie die traditionelle Herstellung von Milch- und Wollprodukten und setzt sich dafür ein, dass junge Menschen dieses kulturelle Erbe weiterführen.
Das Glück im Geerdeten
Besonders eindrucksvoll ist das Schmücken der Tiere vor dem Abstieg ins Tal. Die schönsten Schafe werden mit bunten Stoffblumen dekoriert, während Hirten und Treiber mit humorvoller Gelassenheit zusammenarbeiten. Die Tiere tragen farbige Markierungen, um sie ihren Besitzern und Zuchtvereinen zuordnen zu können.


Es braucht hier keine große Inszenierung. Stolze Blicke, ehrliche Freude und das stille Beobachten reichen völlig aus. Selbst ein Border Collie legt sich plötzlich neben einen Wanderer, als wäre man längst Teil der Herde geworden.
Am Nachmittag beginnt schließlich der große Abstieg nach Vernagt. Tausende Menschen erwarten dort die geschmückten Tiere. Unter Glockenklang und lautem Blöken zieht die Herde über einen naturbelassenen Laufsteg, geschaffen von Bergen, Wind und Jahrtausenden alpiner Geschichte.
Die Transhumanz ist weit mehr als Brauchtum. Sie ist eine geerdete Selbsterfahrung – eine Erinnerung daran, wie wichtig innere Balance in einer rastlosen Welt geworden ist.







