Die neue Spiritualität: Wonach suchen wir und was können wir dabei finden?

Die neue Spiritualität

Yoga, Meditation, positive Affirmation, alte Rituale und Schamanen – die neue Spiritualität ist die Religion unserer Zeit. Doch wonach suchen wir und was können wir dabei finden?

Autor: Nina Prehofer

Fühle ich mich ganz?

Ist nicht das ganze Leben eine Suche? Manchmal fühlt es sich so an. Wir sind Getriebene, ähnlich einer Figur in einem Hit-and-Run-Spiel. Wir laufen, sammeln irgendetwas ein, laufen weiter bis ein Level zu Ende ist und wir in den nächsten aufsteigen dürfen. Schule, Ausbildung, Dating-Leben, Beziehungsleben, Ehe, Kinder, Arbeit, Pension, Game over. Diese Analogie führt möglicherweise dazu, dass wir uns fragen, ob das schon alles war. Sie fordert uns dazu auf, uns auf die Suche zu begeben. Wonach eigentlich? Wonach suchen wir alle so verzweifelt?

Die neue Spiritualität

Wir suchen mehr Sinn, mehr Halt, mehr Ruhe, mehr Gelassenheit in einer schnellen, lauten, manchmal sehr leeren, komplizierten Welt. In den letzten zwei Jahren ist es nicht unbedingt einfacher geworden. Die Pandemie, die Klimakatastrophe. Wir wollen auch etwas richtig machen oder gut machen, wo wir doch schon so viel falsch gemacht haben. Unser Ressourcenverbrauch, die Luftverschmutzung, die Verschmutzung der Meere, das Tierleid. In einer kranken Welt wollen wir uns heilen und greifen dabei möglicherweise zur falschen Medizin. Oder versuchen es mit Abkürzungen. Mit schneller Entschleunigung. Vielleicht ist der Glaube an die Ganzheitlichkeit eben nur ein Glaube.

Vielleicht sollten wir aufhören zu suchen, um uns ganz zu fühlen. Vielleicht sollten wir besser anfangen zu finden. Und zu entdecken. Das Glück in einem guten Essen. Die Wärme in einer Umarmung. Die Magie eines besonders schönen Ortes. Die Freude in einem guten Gespräch. Diese Dinge sind es nämlich, die sich addieren. Zu einem großen Ganzen.

Gut – Besser – Ich

Hopp, hopp, schnell, machen wir uns auf den Weg zum besten Ich! Ein bisschen „pep talk“ und schon fühle ich mich, bin ich besser. Am besten noch ein paar „inspirierende“ Worte von einem Life Coach und es ist schon alles perfekt. Wirklich? Natürlich nicht. Vieles, was an Selbstoptimierungsprogrammen da draußen ist, suggeriert, dass es so einfach ist. Hey, es ist alles in uns drinnen. Wir müssen es nur rauslassen. Und dann sind wir unfassbar fantastisch und schaffen alles. Man muss es nur wirklich wollen. Bist du sicher, dass du es bisher wirklich wolltest? Oder wolltest du dich nicht doch noch ein bisschen in deinem Selbstmitleid suhlen. Weil es angenehm ist, weil es Aufmerksamkeit bringt, weil es einfach ist. Es ist ein bisschen eine Scharlatanerie, die hier abgeht und die Menschen dazu bringt, noch mehr an sich zu zweifeln. Wenn einem eingeredet wird, dass alles, was man braucht, in einem selbst ist, dann fühlt man sich irgendwann wie ein Loser, der es einfach nicht schafft, die Großartigkeit aus sich herauszuholen. Die Selbstzweifel sind möglicherweise größer als vorher. Es ist einfach nicht so einfach. Und, man glaube es kaum: Es gibt tatsächlich Lebensumstände, die es einem nicht ermöglichen, seine eigenen Superkräfte zu aktivieren und durch das Leben zu schweben.

Die neue Spiritualität

Wir müssen aufhören, uns zu überfordern und anfangen, mit Herausforderungen im Leben umzugehen und Zweifel oder Konflikte zu akzeptieren. Die gibt es nun mal und man kann sie nicht einfach mit einem guten Draht zu unserem Inneren unsichtbar machen. Der gute Draht zu unserem Inneren hilft uns jedoch, genau mit diesen Schwierigkeiten umzugehen, nicht daran zu zerbrechen und es zu schaffen, trotzdem ein Gefühl von Glück oder besser Lebensfreude zu entwickeln. Es ist nicht alles gut, was uns im Leben begegnet. Es ist, wie es ist. Der Traum vom optimierten Ich ist nur ein Traum. Und das ist total in Ordnung. Entspannen wir uns.

Meditation to go

Die neue Spiritualität

Lassen wir uns offen miteinander sprechen: Wie viele Yoga-, Meditations- oder Fitness-Apps haben Sie am Handy? Vermutlich einige. Das ist nicht schlecht! Doch wir dürfen nicht erwarten, dass die bloße Installation der Apps auf dem Handy uns bereits zu spirituelleren, innerlich ruhenderen und ausgeglicheneren Menschen macht. Leider gibt es keine „instant spirituality“, die unser Denken und Handeln verändert. Schließlich ist es immer noch ein Prozess, der verlangt, dass wir unsere Routinen ändern. Und das ist, wie wir wissen, eine große Herausforderung. Denn unser Gehirn ist es gewohnt, den einfachsten Weg zu nehmen, also Gewohnheiten zu pflegen.

Der Klassiker: am Abend im Bett durch Instagram zu scrollen oder Netflix zu „bingen“. Irgendwie fühlen wir uns belohnt, aber dann doch auch ein bisschen schlecht. War es das nun wirklich wert, Stunden damit zu verbringen, sich anzusehen, was andere, meist fremde Menschen tun? Wie sie sich produzieren und darstellen, schön angezogen, gerade auf Urlaub sind oder etwas ganz Tolles gemacht oder bekommen haben. Fühlen wir uns wirklich besser, wenn wir anderen dabei zusehen, sich in einer realitätsfernen Art zu verhalten?

Die australische Komikerin, Schauspielerin und Autorin Celeste Barber macht sich auf höchst amüsante Weise vor allem über halbnackte, seltsam tanzende oder posierende Frauen lustig. Sie entblößt das seltsame Gebaren, indem sie in ähnlichen Outfits, mit „unsportlichen“ Bewegungen und erheiternden Grimassen Fotos oder kurze Videos nachahmt. Diese Lacher entschädigen einen für das schlechte Gewissen beim Dauer-Scrollen.

Die neue Spiritualität

Doch zurück zu den Routinen, die wir ändern müssen. Leichter wird das, wenn man sich aus dem Alltag rausnimmt und nicht den gleichen Gewohnheiten ausgesetzt ist. Im Urlaub zum Beispiel. Ein neuer Ort ist ein dankbarer Moment, Altes abzulegen und Neues zu umarmen. Statt auf das Handy zu starren, kann man tatsächlich zur angebotenen Yoga- oder Meditationseinheit gehen. Hat man es einmal geschafft, sein Gehirn zu überlisten, ist es einem richtig dankbar. Denn die Meditation fühlt sich nach echter Belohnung an. Etwas ein Mal zu tun, reicht natürlich nicht, um dauerhaft „geheilt“ zu sein. Aber es ist der richtige Anfang, um nachhaltig etwas zu verändern. Kommt man aus dem Urlaub zurück nach Hause, darf man nur bloß nicht wieder in seine gängigen Muster verfallen. Dazu eignen sich die Apps dann doch richtig gut. Denn mit ihnen muss man nicht alleine sein. Man kann sich anleiten lassen, und das immer wieder neu und abwechslungsreich. Das Angebot ist so umfassend, dass man nicht wie bei einer Netflix-Serie nach nur einer Nacht durch ist und wie ein Junkie nach mehr lechzt. Und wenn man die Augen schließt und eine Stimme sagt: „Das hast du gut gemacht. Halte noch etwas durch. Du hast es fast geschafft. Toll!“, dann ist es doch egal, ob die lobende Stimme aus dem Handy kommt oder nicht. Wir haben es toll gemacht.

Über gute und schlechte Glaubenssätze

Ich kann das nicht. Das gelingt mir nicht. Ich bin nicht schön genug. Ich bin nicht gut genug. Ich glaube nicht, dass ich das schaffe. Die anderen sind immer besser als ich. Ich bin zu dick. Ich bin zu dünn. Ich gehöre nicht dazu. Kommen Ihnen diese Gedanken bekannt vor? Wenn nicht, dann würde ich sagen: Glückwunsch! Denn anscheinend haben Sie es schon geschafft. Sie lieben sich selbst, finden sich gut, sind mit sich und dem, was Sie tun, total im Reinen. Sie wissen, was Sie können, was Sie wert sind, dass Schönheit von innen kommt und sowieso im Auge des Betrachters liegt. Wow. Wenn Sie aber selbst schon so über sich geurteilt haben, dann zählen Sie wahrscheinlich zum Großteil der Menschen in der westlichen Welt, die eher dazu neigen, sich das Selbstbewusstsein mit diesen negativen Glaubenssätzen zu rauben, anstatt sich mit positiven Glaubenssätzen zu „boostern“.

Vielleicht ist das unsere Erbsünde, die wir mit uns schleppen. Dieses immer wieder präsente Gefühl des Zweifels an sich selbst. Und das ist bizarr! Denn wir funktionieren deutlich besser, wenn wir an uns glauben – und wir haben noch dazu mehr Freude. Dennoch ist dieses Ich-Bashing in unseren Köpfen verankert. Ja, es mag Menschen geben, die etwas besser können, die schöner sind oder reicher. An dieser Stelle kann man eine wahrscheinlich schon bekannte Erkenntnis zitieren, nämlich die, dass man ab einem gewissen Einkommen nicht mehr zufriedener wird. Dass man nach versuchter Selbstoptimierung oder Fremdoptimierung, wenn man den Schönheitschirurgen aufsucht, auch nicht von heute auf morgen glücklicher und zufriedener wird. Die Zufriedenheit mit uns können wir nur selbst herstellen. Indem wir uns mögen. Mit allem Guten und nicht so Guten. Ja, manchmal trinken wir etwas zu viel Alkohol, manchmal ernähren wir uns nicht gesund, manchmal sind wir faul, manchmal sind wir nicht nett. Und? Der, der frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein.

Die neue Spiritualität

Wichtig ist, dass wir von den negativen Glaubenssätzen zu den positiven übergehen. Nehmen wir uns doch vor, jeden Tag fünf positive Glaubenssätze zu formulieren. Die können wir auch auf Zettel schreiben und in unserer Wohnung verteilen. Damit wir sie immer wieder lesen können. Denn mit den Glaubenssätzen ist es so wie mit den schlechten Angewohnheiten: Irgendwann entsteht eine Routine und unser Gehirn formuliert sie wie von alleine. Dann sind wir in der Lage uns aufzubauen, uns zu mögen und gut zu finden. Dann wächst unser Selbstbewusstsein und bekanntlich zieht man mit positiver Energie und einer gesunden Selbstliebe noch mehr Gutes an – und andere gute Menschen. Das ist es doch letztlich, worauf es ankommt. Sich selbst zu mögen, in ein schönes Umfeld eingebettet zu sein und so oft wie möglich wunderbare Erlebnisse zu haben. In diesem Moment sind wir angekommen auf der höheren Bewusstseinsstufe, angekommen in unserer neuen Spiritualität.

Positive Affirmationen für den Tag

ICH BIN
SCHÖN, SO WIE ICH BIN.

ICH GLAUBE
JEDEN TAG MEHR UND MEHR DARAN,
DASS ICH WERTVOLLE EIGENSCHAFTEN
BESITZE.

ICH GENÜGE.

ICH GLAUBE DARAN
ZU SCHAFFEN, WORAN
ICH ARBEITE.

ICH HABE ES VERDIENT,
GLÜCKLICH ZU SEIN.

MEIN LEBEN IST
ERFÜLLT UND REICH.

ICH VERFÜGE
ÜBER DIE NOTWENDIGEN MITTEL UND FÄHIGKEITEN, UM ERFOLGREICH ZU SEIN.

ICH VERDIENE ES,
GELIEBT ZU WERDEN.

ES IST IN ORDNUNG,
EINEN SCHLECHTEN TAG ZU HABEN.

Fotos: Ethan Rougon, Mahdi Chaghari, Aaron Blanco Tejedor, Motoki Tonn