Markus Petzl über Disruption, KI und die Illusion von Innovation
Disruption ist eines der meiststrapazierten Schlagworte unserer Zeit – und gleichzeitig eines der am wenigsten verstandenen. Der Transformationsberater Markus Petzl spricht im Interview über kulturellen Widerstand, die Illusion von Innovation und warum Unternehmen lernen müssen, Kontrolle abzugeben. Ein Gespräch über Mut, Chaos, KI und die vielleicht größte Chance unserer Generation.

„Transformation im Kerngeschäft zu starten, ist oft der größte Fehler“
Wenn Sie heute ein traditionelles Unternehmen komplett neu denken müssten – was würden Sie sofort verbieten?
Markus Petzl:
Ganz klar: Ich würde verbieten, Transformation im Kerngeschäft zu starten. Genau dort scheitern die meisten. Der kulturelle Widerstand ist enorm, die Organisation verteidigt sich selbst und plötzlich vergehen Jahre, ohne dass wirklich etwas passiert.
Viel klüger ist es, „on the edge“ zu beginnen: kleine, radikale Einheiten außerhalb des Bestehenden aufzubauen, mit neuen Technologien und neuen Denkweisen. Dort entsteht das Neue – und erst später migriert das alte Geschäft dorthin. Wer im Kern beginnt, kämpft gegen die Vergangenheit. Wer am Rand beginnt, baut Zukunft.
Wann ist ein Unternehmen wirklich disruptiv?
Disruption wird oft als Buzzword verwendet. Wann ist ein Unternehmen tatsächlich disruptiv – und wann nur gut im Marketing?
Markus Petzl:
Disruption erkennt man nicht an Worten, sondern an Wirkung. Ein Unternehmen ist dann disruptiv, wenn es etwas schafft, das andere deutlich schlechter, teurer oder mit weniger Nutzen anbieten. Wenn ein echter Wettbewerbsvorteil entsteht.
Alles andere ist oft nur ein gut inszenierter Nebelwerfer. Viele Marken sprechen von Innovation, aber ihre Produkte erzählen eine andere Geschichte. Wichtig ist auch: Nicht jedes Unternehmen muss ständig disruptiv sein. Aber wenn es behauptet, es zu sein, sollte man es sehen können – nicht nur hören.
Warum Innovation oft scheitert
Viele Unternehmen wollen innovativ sein, scheitern aber in der Umsetzung. Woran liegt das?
Markus Petzl:
An fehlendem Mut und an fehlender Ehrlichkeit. Und beides lässt sich nicht einkaufen.
Viele glauben, sie könnten Innovation einfach zukaufen, etwa durch Start-ups. Aber wenn die eigene Kultur nicht bereit ist, wird das Neue sofort vom Alten „aufgefressen“. Innovation ist kein Projekt, sondern eine Frage von Haltung, Kultur und Spirit.
KI verändert die Spielregeln
Gibt es überhaupt noch klassische Branchenlogiken oder lösen Plattformen und KI diese gerade auf?
Markus Petzl:
Die klassische Branchenlogik wird zunehmend durch Daten und Algorithmen ersetzt – und damit austauschbarer. Gleichzeitig entstehen neue Meta-Logiken, die branchenübergreifend funktionieren.
Besonders spannend sind sogenannte selbstlernende Unternehmen: Systeme, die sich in Echtzeit durch Feedback weiterentwickeln. Sie warten nicht mehr auf Strategiemeetings, sondern optimieren sich permanent selbst. Wir stehen da erst am Anfang, aber die Spielregeln verändern sich gerade fundamental.
„Das haben wir schon immer so gemacht“
Wenn ein Unternehmen sagt: „Das haben wir schon immer so gemacht“ – ist das ein Warnsignal?
Markus Petzl:
Es ist alles zugleich: Warnsignal, Todesurteil und Chance.
Denn dieser Satz zeigt auch, dass etwas lange funktioniert hat. Genau darin liegt der Ansatzpunkt: Was passiert, wenn wir dieses „Immer-schon-so“ radikal neu denken? Wenn wir es in seine Grundprinzipien zerlegen und neu zusammensetzen?
Oft entsteht genau dort echte Disruption – nicht trotz der Vergangenheit, sondern aus ihr heraus.

Wie viel Chaos braucht Innovation?
Markus Petzl:
Chaos ist wie eine Ursuppe – notwendig, aber schwer auszuhalten.
Unternehmen sind eigentlich dafür da, Ordnung zu schaffen. Innovation entsteht jedoch oft in Momenten, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen: durch Zufall, ungewöhnliche Perspektiven oder durch das Unterbewusstsein.
Manchmal entstehen die besten Ideen nicht im Meeting, sondern unter der Dusche. Der Trick ist, solche Momente zu ermöglichen, ohne dass alles im Chaos versinkt.
Sind klassische Unternehmensstrukturen noch zeitgemäß?
Sind klassische Unternehmensstrukturen noch kompatibel mit Disruption?
Markus Petzl:
Eher nicht. Aber sie verschwinden nicht einfach – sie transformieren sich.
Spannend ist, wie große Tech-Unternehmen es schaffen, sich immer wieder neu zu erfinden. Gleichzeitig stellt KI das Konzept „Firma“ grundsätzlich infrage.
Wenn künftig eine einzelne Person mit tausenden KI-Agenten ein Milliardenbusiness steuern kann – was ist dann überhaupt noch ein Unternehmen?
Next Practices statt Best Practices
Sie sprechen von „Next Practices“ statt „Best Practices“. Was verstehen Sie darunter?
Markus Petzl:
Zwei Dinge sind aktuell zentral. Erstens: Loslassen. Führungskräfte müssen akzeptieren, dass KI Entscheidungen trifft, die sie selbst nicht mehr vollständig nachvollziehen können.
Zweitens: Klarheit. KI braucht klare Ziele, keine strategischen Nebelgranaten. Halbherzige Ansagen funktionieren nicht mehr.
Das ist besonders herausfordernd in Kulturen, die Ambivalenz lieben. Aber ohne Klarheit bleibt das Potenzial der Technologie ungenutzt.
Welche Rolle bleibt dem Menschen?
Wenn KI Strategie, Analyse und Kreativität übernimmt – wofür braucht es dann noch Berater?
Markus Petzl:
Kurzfristig braucht es sie mehr denn je. Langfristig deutlich weniger – zumindest in der heutigen Form.
Die entscheidende Frage ist: Welche menschliche Qualität bleibt? Vielleicht sind es zwei Dinge: Handwerk und eine besondere Form von Wahrnehmung. Das, was manche als neurodivergentes Denken beschreiben würden. Alles andere kann KI oft besser.
Aber darin liegt auch eine enorme Chance, Beratung neu zu definieren.
Warum Storytelling über Transformation entscheidet
Wie wichtig sind Ästhetik und Storytelling für Transformation?
Markus Petzl:
Sie sind zentral. Geschichten sind das mächtigste Werkzeug, das wir Menschen für Veränderung haben. Seit Jahrtausenden organisieren wir uns um Narrative – und das gilt auch für Unternehmen.
Transformation gelingt nicht nur durch Zahlen und Strategien, sondern durch Bedeutung. Durch Geschichten, die Menschen bewegen.
Und vielleicht ist KI selbst gerade die größte Geschichte unserer Zeit. Wir stehen am Anfang eines neuen Zeitalters. Vergleichbar mit der Einführung von Elektrizität.
Wenn man es optimistisch betrachtet, dann ist heute vielleicht der schlechteste Tag. Weil morgen schon besser sein kann.
Über Markus Petzl

Markus Petzl ist Transformationsberater und Gründer von disruptive, einem Beratungsansatz an der Schnittstelle von Strategie, Technologie und Kultur. Er arbeitet branchenübergreifend – von Retail über Finance bis Industry – und begleitet Unternehmen dabei, radikale Veränderungen nicht nur zu denken, sondern tatsächlich umzusetzen. Im Zentrum seiner Arbeit stehen neue Organisationsformen, der Einsatz von KI sowie die Entwicklung sogenannter Next Practices. Petzl versteht Disruption nicht als Trend, sondern als strukturelle Notwendigkeit – und als Chance, Unternehmen von Grund auf neu zu bauen. disruptive.wtf






