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Ein Haus am richtigen Fleck

Casa Pupunha, nach dem Entwurf von Laurent Troost und landschaftsarchitektonisch begleitet von Hana Eto Gall, ist nach der Pfirsich-Palme benannt. Sie steht exemplarisch für das, was das Haus verkörpert: lokale Verwurzelung, ökologische Intelligenz, kulturelle Bedeutung.

Das Haus, um das es geht, ist nach der Pupunha-Palme oder auf Deutsch Pfirsich-Palme benannt. Doch, wie kommt man auf die Idee? Dazu muss man wissen, dass diese Palme eine genuin amazonische Pflanze ist. Die Namensgebung ist somit ein bewusstes Bekenntnis zum Ort. Denn Casa Pupunha befindet sich in Manaus, der Hauptstadt des größten brasilianischen Bundesstaates, mitten im Amazonas.

Das vom Büro Laurent Troost Architectures entworfene Haus versteht sich als ein aus dem lokalen Ökosystem heraus entwickelter Bau, nicht als Architekturimport. Die bautechnischen Prinzipien decken sich weitestgehend mit den Eigenschaften dieser interessanten Pflanze: Die Pupunha-Palme gilt als außergewöhnlich nachhaltig, sie wächst schnell und ist genügsam. Dafür liefert sie brav: Früchte, Stärke, Baumaterial. All das kann mehrfach geerntet werden, ohne den Baum zu zerstören. Diese Eigenschaften spiegeln die Grundhaltung von Troost wider: Er möchte Ressourcen schonen und anpassungsfähige Häuser bauen, mit einem Langfrist-Horizont.

Der Garten als Protagonist

Da zudem die Landschaftsgestaltung – hier ausgeführt durch Hana Eto Gall Landscape – als Grundpfeiler der Architektur verstanden wurde, lag es nahe, Casa Pupunha nach diesem lebendigen Element des Gartens zu benennen, der Pfirsichpalme.

Casa Pupunha
Casa Pupunha steht am Rand eines Naturschutzgebietes im Amazonas.

Überhaupt ist der Garten der eigentliche Protagonist des Projekts. Und der Ansatz stieß international auf Gegenliebe: Casa Pupunha wurde mit dem AHA 2025 bedacht, dem Architecture Hunter Award, in der Kategorie Architecture/Garden Landscape. Die Jury würdigte insbesondere die gelungene Verschränkung von Architektur und Landschaft sowie den sensiblen Umgang mit einem hochkomplexen ökologischen System.

Um genau zu sein liegt das Haus auf dem höchsten Punkt einer Wohnsiedlung in Manaus, unmittelbar angrenzend an ein permanentes Naturschutzgebiet. Diese Lage ist nicht nur landschaftlich spektakulär. Sie stellte das Planungsteam auch vor eine zentrale Frage: Wie lässt sich ein privater Rückzugsort schaffen, ohne dabei den Regenwald zu verdrängen oder zu domestizieren?

Fließende Fortsetzung des Amazonaswaldes

Die Antwort darauf formuliert das Projekt mit bemerkenswerter Konsequenz: Die Landschaftsgestaltung versteht sich als fließende Fortsetzung des Amazonaswaldes, die Grenze zwischen dem Gebauten und dem Gewachsenen löst sich nahezu zur Gänze auf.

Casa Pupunha scheint über der üppigen Tropenvegetation zu schweben.
Casa Pupunha
Die Grenze zwischen dem Gebauten und dem Gewachsenen löst sich nahezu zur Gänze auf.

Bereits der Weg hin zur Casa Pupunha ist ein Perspektivwechsel, ein sinnliches Eintauchen. Denn ein schmaler Pfad führt durch dichte Tropenvegetation, gesäumt von großblättrigen Pflanzen, die das Licht nur selektiv durchlassen. Die feuchte Luft, die gedämpften Geräusche machen, dass sich das Ankommen spürbar verlangsamt. Die Architektur tritt zunächst in den Hintergrund.

Architektur im Dialog mit Klima und Topografie

Das Wohnhaus selbst ist auf ausgeklügelte Weise auf die klimatischen Bedingungen und die steile Topografie des Grundstücks ausgerichtet. Dazu gehört, dass die natürliche Belüftung optimiert und die direkte Sonneneinstrahlung minimiert ist. So hält sich der Energiebedarf in Grenzen.

Casa Pupunha
Die natürliche Belüftung ist optimiert, die direkte Sonneneinstrahlung minimiert.
Casa Pupunha
Das Bewässerungs- und Entwässerungssystem unterstützt Boden und Vegetation.

Das automatisierte Bewässerungssystem ist auf lokale Niederschlagsmuster abgestimmt und unterstützt so das Gedeihen der Vegetation. Dies bedeutet, dass es sogar auch Maßnahmen zur verbesserten Entwässerung des Geländes und zur Erosionsvermeidung gibt. Bestehende Bäume wurden gezielt erhalten und in das Gesamtkonzept integriert.

Pflanzen als ökologische Akteure

Die Pflanzenauswahl ist ein weiterer Schlüssel zum Verständnis des Projekts Casa Pupunha. Verwendet wurden nahezu ausschließlich einheimische oder klimaangepasste Arten wie Palmen, Bananenbäume, immergrüne Calathea-Stauden, Pfeilblätter beziehungsweise Alokasien und Helikonien, auch Hummerscheren oder Falsche Paradiesvogelblumen genannt. Diese Pflanzen erfüllen mehrere Funktionen zugleich: Sie schaffen Schatten, regulieren das Mikroklima, fördern die Biodiversität und bilden mehrschichtige Lebensräume für Insekten, Vögel und Kleintiere.

Casa Pupunha
Der Garten ist nicht Kulisse, sondern Protagonist des Projekts. Dies gilt vor allem für die ins Bild hineinragende Pfirsich-Palme mit ihren 20 Meter hohen Stämmen und mit Stacheln bewehrten Blättern.

Jede gestalterische Entscheidung verbindet ästhetische, ökologische und funktionale Aspekte, lobte die AHA-Jury. Der Garten wird zu einem System, das nicht nur schön aussieht, sondern aktiv zur Resilienz des Ortes beiträgt.

Innen und Außen – eine durchlässige Grenze

Diese Haltung setzt sich im Inneren von Casa Pupunha fort. Die Innenarchitektur von Chris Coimbra folgt keinem dekorativen Naturbezug, sondern lässt die Vegetation buchstäblich in die Architektur hineinfließen. Grün begleitet die Verkehrswege, rahmt Blickachsen und wird Teil des täglichen Wohnens. Innen- und Außenraum sind nicht klar getrennt, sondern bilden eine Abfolge von Übergängen.

Casa Pupunha
Casa Pupunha: Ausgeklügelte Balance zwischen empfindlichem Ökosystem und bebauten Strukturen.

Das Ergebnis ist ein Haus, das nicht gegen das tropische Klima arbeitet, sondern mit ihm – und damit eine andere Form von Komfort definiert: weniger kontrollierend, dafür atmosphärisch, adaptiv und sinnlich.

Modell für tropisches Wohnen

In einer Zeit, in der der Amazonas zunehmend unter Druck gerät, formuliert dieses Haus eine leise, aber klare Haltung: Nachhaltigkeit beginnt nicht bei Labels oder Zertifizierungen oder Gütesiegeln, sondern bei der Art, wie wir Orte lesen, respektieren und bewohnen.

Laurent Troost ist ein belgischer Architekt, der zunächst nach dem Studium in den Niederlanden im Büro OMA des Architekten Rem Koolhaas arbeitete. Seine Liebe zu Brasilien und dem Amazonas dürfte sich durch seine Bestellung zum Direktor des Instituto Municipal de Planejamento Urbano da Prefeitura de Manaus (IMPLURB, Städtisches Institut für Stadtplanung der Stadt Manaus) verstärkt haben. Diese Funktion übte er bis 2020 aus.

Hana Eto Gall Landscape wurde 2018 gegründet, mit Sitz in Manaus. Mit der Ausweitung der Tätigkeit des Büros auf größere Projekte wie Parks und geplante Stadtviertel möchte man dazu beitragen, dass Landschaftsgestaltung verstärkt als wesentlich zur Schaffung von Räumen gesehen wird, die die Lebensqualität verbessern und die Verbindung zur Natur in städtischen Umgebungen stärken.

Text: Linda Benkö
Fotos: Joana França

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