rebekka ruétz übersetzt einen Mythos in radikale Gegenwart
Zwischen Rabenschwarz und Blutrot, zwischen organischem Moos und skulpturaler Avantgarde entsteht eine Kollektion, die weniger Mode als Haltung ist. Mit LILITH transformiert rebekka ruétz eine mythische Figur in ein zeitgenössisches Manifest weiblicher Ganzheit – roh, poetisch und kompromisslos.


Die Rückkehr der Dämonisierten
Lilith – jene Figur, die über Jahrhunderte als Bedrohung markiert wurde – erscheint hier nicht als Provokation, sondern als Spiegel. In der Neuinterpretation von rebekka ruétz wird sie zur Projektionsfläche für all jene Zuschreibungen, die weibliche Autonomie historisch begleitet haben.

Angst neben Würde. Verletzlichkeit neben Stärke. Licht neben Schatten.
LILITH löst Widersprüche nicht auf – sie trägt sie. Die Kollektion versteht Rebellion nicht als Pose, sondern als Reaktion. Nicht als Inszenierung, sondern als Integration.
Mode im Werden
Die Entwürfe entstehen prozessorientiert – nicht als fertige Skizze, sondern im Dialog mit dem Körper. Drapierungen werden verschoben, Schnitte neu geformt, Materialien getestet. Silhouetten entwickeln sich im Prozess.


Jeder Look ist weniger „gemacht“ als entdeckt.
Skulpturale Korsagen treffen auf fließende Konstruktionen, Volumen entsteht durch gleichzeitige Konstruktion und Auflösung. Der Körper wird nicht verkleidet, sondern begleitet. Minimalistische Avantgarde trifft auf organische Dreidimensionalität.
Lebendiges Material: Moos als Manifest
Ein zentrales Element der Kollektion sind Applikationen aus echtem Moos – in Blutrot, rauchigem Schwarz und schmutzigem Weiß. Das Material, bekannt aus dem Interior Design, wird erstmals konsequent auf den Körper übertragen.

Moos ist lebendig.
Es reagiert auf Bewegung, Zeit und Berührung.
Es verändert sich. Es bröselt. Es hinterlässt Spuren.
Perfektion wird bewusst unterlaufen. Das Kleid ist kein abgeschlossenes Objekt, sondern ein Körper, der Geschichte trägt.
In Kooperation mit Organoid entsteht so eine textile Oberfläche, die Vergänglichkeit nicht kaschiert, sondern zelebriert.
Farbwelten zwischen Erdung und Transzendenz
Rabenschwarz bildet das Fundament.
Rottöne erscheinen in vielschichtigen Abstufungen – dunkles Blutrot als Ursprung, klares Leuchtrot als Impuls, tiefes Purpur mit violettem Einschlag als mythische Referenz.


Weiß changiert zwischen Kalkweiß, schlangenartigen Texturen und schmutzigem Beige. Ergänzt wird die Palette durch muted Gold und moonlit Silver.
Die Farbwelt oszilliert zwischen Körperlichkeit und Transzendenz – zwischen Erdung und Schimmer.
Nachhaltigkeit als Haltung
Upcycling-, Recycling- und Deadstockstoffe bilden die Basis der Kollektion. Ergänzt werden sie durch nachhaltige Spitze, Denim aus Biobaumwolle, gegossenes Naturlatex in Schlangenoptik, zertifizierte Materialien wie Tencel sowie traditionell gefertigten Tiroler Loden.


Material wird hier nicht dekorativ eingesetzt, sondern neu kontextualisiert.
Nachhaltigkeit ist kein Add-on – sie ist strukturelle Entscheidung.
Hair & Make-up: Die zweite Haut
Die visuelle Ebene wird durch aufwendig gefertigte Hair-Accessoires, Masken und geflochtene Kappen aus veganem Haar erweitert – entstanden in über 400 Arbeitsstunden.


Sie wirken wie zweite Haut oder auferlegte Hülle.
Sie bewegen sich zwischen Unschuld und Dämonisierung.
Make-up und Hairstyling oszillieren zwischen rauer Oberfläche und klarer grafischer Linie. Skulpturale Nail-Designs greifen Motive wie Schlange, Moos und organische Texturen auf – abstrahiert, körperlich erfahrbar, niemals illustrativ.
Berlin als Resonanzraum
Präsentiert wird LILITH in der Alten Münze in Berlin – einem Ort zwischen Monumentalität und Rohheit. Installation, Fashion Film und inszenierte Runway-Präsentation verschmelzen zu einer dichten Atmosphäre.
Die Berlin Fashion Week bietet hier den kulturellen Kontext: Mode als Diskursraum, als künstlerische Sprache jenseits reiner Marktlogik.

BERLIN, GERMANY – JULY 03: Rebekka Ruetz walks the runway at the COLLECTIVEFOUR Rebekka Ruetz show during Berlin Fashion Week SS25 at Uber Eats Music Hall on July 03, 2024 in Berlin, Germany. (Photo by Sebastian Reuter/Getty Images for COLLECTIVEFOUR Rebekka Ruetz)
LILITH ist keine Kollektion.
Sie ist eine Einladung.
Komplexität sichtbar zu machen.
Widersprüche nicht zu glätten.
Vergänglichkeit als ästhetische Qualität zu begreifen.
Mode wird zur Sprache für das, was oft verdrängt oder dämonisiert wird – und genau dadurch gegenwärtig.
Photos: Marcus Hartelt for Berlin Fashion Week | Linda Leitner | Annika Yanura







