Zwischen Fair Isle, Folklore und Future-Craft: Der in London arbeitende Designer Oscar Ouyang zeigt, wie traditionelles Stricken plötzlich radikal zeitgenössisch wirken kann.
Es gibt Designer, die Silhouetten neu denken. Und es gibt Designer, die beim Material beginnen – als würde das Kleidungsstück erst dann eine Stimme bekommen, wenn der Faden seine Geschichte erzählt. Oscar Ouyang gehört zur zweiten Kategorie. Der in Beijing geborene, in London lebende Knitwear-Designer hat sich in kürzester Zeit eine klare Handschrift erarbeitet: heritage Stricktechniken, aber nicht nostalgisch, sondern als Bühne für Narrative, Symbole und eigensinnige Proportionen. Vogue beschreibt ihn als LFW-Debütanten, der „time-honoured craft techniques“ mit innovativen Twists auflädt.
Wofür Oscar Ouyang steht
1) Knitwear als Sprache (nicht als „Saisontrend“)
Ouyang behandelt Strick nicht als gemütliche Oberfläche, sondern als System: Muster, Dichte, Fransen, Applikationen und unruhige Texturen werden zu Codes. AnOther spricht von „mossy knits“, „coded symbols“ und einer bewusst gesetzten Sanftheit.
Diese Haltung macht seine Mode weniger „look-driven“ und stärker weltbildgetrieben: Kleidung als erzählendes Medium.
2) Tradition – aber subversiv
Vogue UK verortet ihn in einer Londoner Linie von Designer:innen, die Heritage-Strick „sliced, chopped and screwed“ neu interpretieren – und nennt Ouyangs Ansatz idiosynkratisch und kultbildend.
Das ist entscheidend: Bei ihm geht es nicht um Retro, sondern um Reibung – zwischen Handwerk und Popkultur, zwischen Schutz und Zurschaustellung, zwischen Uniform und Fantasie.
3) Gender-neutral & zeitgemäße Materialethik
Auf dem offiziellen London-Fashion-Week-Profil wird Ouyang als Designer mit Fokus auf gender-neutral fashion beschrieben, mit Betonung auf sustainable knitwear and textile practices.
Das wirkt bei ihm nicht wie ein Label-Statement, sondern wie eine logische Konsequenz aus dem Prozess: Strick bedeutet Zeit, Materialintelligenz, Verantwortung.
Was ihn anders macht (und warum das relevant ist)
Er baut nicht nur eine Ästhetik, sondern eine funktionierende Designer-Realität.
i-D hebt seinen unternehmerischen Blick hervor: Er beobachtet, dass manche nach einem „hyped show“ explodieren – und dann an Nachfrage, Finanzierung und Struktur scheitern.
Diese Perspektive ist selten in einer Szene, die oft von Konzept und Moment lebt. Ouyang denkt Mode als Langstrecke.
Seine Referenzen sind nicht „Moodboard“, sondern Mythologie.
Wallpaper nennt als Einflüsse u. a. Anime und mittelalterliche Folklore – und rahmt ihn als Rising Star, der Knitwear in „new realms“ führt.
Das passt: Seine Looks wirken häufig wie tragbare Artefakte – vertraut (Strick), aber in einem anderen Kontext aufgeladen.
Institutionelle Relevanz + Retail-Beweis
Er ist im LFW-Kosmos sichtbar (inkl. BFC-Newgen-Kontext in der Berichterstattung) – und gleichzeitig bereits kommerziell präsent: Dover Street Market führt seine Stücke, was für ein junges Label ein wichtiges Signal ist.
Perspektive: Warum wir ihn jetzt beobachten sollten
Oscar Ouyang steht für eine Generation, die Handwerk nicht romantisiert, sondern als High-Tech der Langsamkeit versteht: präzise, arbeitsintensiv, bedeutungsvoll. In einer Zeit, in der Mode oft zwischen Quiet Luxury und Algorithmus-Ästhetik pendelt, setzt er einen dritten Pol: Craft als Storytelling-System.
Das macht seine Kleidung nicht automatisch „besser“ – aber eigensinniger. Und Eigensinn ist im Moment vielleicht die wertvollste Ressource im Design.







